Banlieues http://banlieue.blogsport.de Bannmeilen dieser Welt Wed, 16 Sep 2009 15:30:13 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Reportage über La Courneuve http://banlieue.blogsport.de/2009/09/16/reportage-ueber-la-courneuve/ http://banlieue.blogsport.de/2009/09/16/reportage-ueber-la-courneuve/#comments Wed, 16 Sep 2009 15:30:13 +0000 banlieue Frankreich http://banlieue.blogsport.de/2009/09/16/reportage-ueber-la-courneuve/ http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/Jenseits_von_Frankreich/624562?inPopup=true

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Rägebogesidlig http://banlieue.blogsport.de/2009/04/29/raegebogesidlig/ http://banlieue.blogsport.de/2009/04/29/raegebogesidlig/#comments Wed, 29 Apr 2009 14:05:02 +0000 banlieue Allgemein http://banlieue.blogsport.de/2009/04/29/raegebogesidlig/

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Bannmeile Favelas http://banlieue.blogsport.de/2009/04/01/bannmeile-favelas/ http://banlieue.blogsport.de/2009/04/01/bannmeile-favelas/#comments Wed, 01 Apr 2009 08:58:16 +0000 banlieue International http://banlieue.blogsport.de/2009/04/01/bannmeile-favelas/

In Rio werden die Slums eingemauert. Drei Meter hohe Betonmauern sollen um elf Elendsviertel in Rio de Janeiro gebaut werden. Die Behörden begründen den Bau mit dem Schutz vor den Wäldern – In Wahrheit geht es jedoch um die Trennung zwischen Arm und Reich.

Die offizielle Begründung für den Mauerbau lautet: Die Bauwerke sollen verhindern, dass sich die Slums immer weiter ausbreiten und den Regenwald zerstören.

Menschenrechtsgruppen argwöhnen aber, dass die Mauer gebaut werden, um die Viertel der Armen besser von denen der Reichen abtrennen zu können. Icaro Moreno, Chef der Baubehörde des Staates Rio de Janeiro, weist diesen Vorwurf zurück: Es gehe bei dem Projekt lediglich um den Regenwald, sagt er.

200 Hektar Wald zerstört

Umgerechnet 13 Millionen Euro lässt sich die Regierung den Mauerbau kosten. Bis Ende nächsten Jahres soll das Projekt auf mindestens 40 Slums erweitert werden.

In den vergangenen drei Jahren wurden in der Sechs-Millionen-Stadt rund 200 Hektar Wald zerstört – Tendenz zunehmend. Die Behörden machen dafür in erster Linie die Ausbreitung der Favelas verantwortlich, die ständig wachsen, weil nach wie vor Arme vom Land in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in die schillernde Stadt flüchten.

«Jedes Jahr verlieren wir mehr vom Atlantischen Regenwald», erklärt Moreno bei einem Ortstermin in Dona Marta. In dem Elendsviertel zu Füssen der berühmten Christus-Statue haben kürzlich die Bauarbeiten für die erste Umfassungsmauer begonnen. Mit einem Wink auf das leuchtende Grün der Pflanzenwelt auf der anderen Seite der Mauer fügt der Baudirektor hinzu: «Jetzt stecken wird die Grenzen, in denen sich diese Gemeinden ausbreiten können.»

Menschen müssen weichen

Den Mauern müssen notfalls die Menschen weichen. Rund 600 Häuser in elf Slums sollen zerstört werden, um Platz für die Betonabsperrungen zu machen. Die betroffenen Bewohner sollen nach Morenos Worten in Neubauten untergebrachten werden, die die Regierung in den betroffenen Favelas errichten lässt.

Maria de Graca Martins da Silva freut sich schon auf die versprochene neue Wohnung, in die sie zieht, wenn ihr jetziges Quartier plattgemacht wird. Die 62-Jährige, die den grössten Teils ihres Lebens in dem Slum verbracht hat, erzählt, sie und die meisten ihrer Nachbarn sähen die Mauer nicht als Trennung vom Rest der Stadt – jedenfalls nicht mehr, als sie ohnehin schon durch ihre Armut vom Leben in Rio isoliert sind. «Wir fühlen uns nicht eingesperrt», sagt da Silva. Doch Zweifel bleiben: «Wird die Mauer unsere Freiheit einschränken?» (bru/Bradley Brooks/ap)

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SlumbewohnerInnen Indiens wehren sich gegen Film http://banlieue.blogsport.de/2009/01/29/slumbewohnerinnen-indiens-wehren-sich-gegen-film/ http://banlieue.blogsport.de/2009/01/29/slumbewohnerinnen-indiens-wehren-sich-gegen-film/#comments Wed, 28 Jan 2009 23:00:27 +0000 banlieue International http://banlieue.blogsport.de/2009/01/29/slumbewohnerinnen-indiens-wehren-sich-gegen-film/ slum indien

Weltweit läuft der Film «Slumdog Millionaire» mit grossem Erfolg. Im Entstehungsland Indien aber sind nicht alle glücklich darüber. Slumbewohner wehren sich gegen den Titel. Sie haben unter anderem ein Kino gestürmt.

Der vom britischen Regisseur Danny Boyle gedrehte Film handelt von einem jungen Slumbewohner in Mumbai, der in der indischen Ausgabe der Show «Wer wird Millionär?» sämtliche Fragen richtig beantwortet und den Hauptpreis von 20 Millionen Rupien gewinnt. Das Kunststück gelingt ihm, weil alle Fragen irgendwie mit seinem Leben zu tun haben. Ein ziemlich märchenhafter Film also, der allerdings bei Kritik und Publikum sehr gut ankommt und bereits zahlreiche Preise gewonnen hat. Er ist auch für den Oscar nominiert.

Auch in der Schweiz läuft er seit letztem Donnerstag mit grossem Erfolg. Am gleichen Tag startete er in seinem Entstehungsland Indien. Neben positiven Stimmen gab es hier auch Kritik. Von einem «Armuts-Porno» war die Rede, der westliche Vorurteile über Indien zementiere. Besonders heftig protestieren die «echten» Slumbewohner. Sie fühlen sich durch die Bezeichnung «Slumdog» im Titel erniedrigt.

«Verletzung der Menschenrechte»

«Slumbewohner als Hunde zu bezeichnen ist eine Verletzung der Menschenrechte», erklärte Tateshwar Vishwakarama, ein Aktivist und Organisator von Protesten in Patna, der Hauptstadt des Bundesstaats Bihar, gemäss der Zeitung «The Times». Er hat vier an der Produktion des Films beteiligte Inder wegen des Titels vor Gericht verklagt. Mehrere hundert Teilnehmer einer Kundgebung in Patna beliessen es nicht beim Protest. Sie stürmten ein Kino und rissen Poster des Films herunter.

Ein weiterer Aktivist betonte, man wolle die Protest auf das ganze Land ausweiten. Bereits am letzten Donnerstag demonstrierten etwa 40 Slumbewohner in Mumbai vor dem Haus von Bollywood-Megastar Anil Kapoor, der im Film den «indischen Günther Jauch» verkörpert. «Armut zu verkaufen» und «Ich bin kein Slumdog, ich bin die Zukunft Indiens» hiess es gemäss «Times» auf Transparenten.

Viel schlimmere Ausdrücke

Anil Kapoor betonte jedoch, dass Kindern in Slums noch viel schlimmere Ausdrücke nachgerufen würden. Er muss es wissen, er ist selber in einem Elendsviertel von Mumbai aufgewachsen und hat seine Gage aus dem Film für Kinderprojekte gespendet. Drehbuchautor Simon Beaufoy erklärte letzte Woche, er habe den Ausdruck «Slumdog» erfunden, weil ihm die Idee gefiel. «Ich wollte aber niemanden beleidigen.»

(pbl)

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Vorstadtunruhen in Malmö http://banlieue.blogsport.de/2008/12/19/vorstadtunruhen-in-malmoe/ http://banlieue.blogsport.de/2008/12/19/vorstadtunruhen-in-malmoe/#comments Fri, 19 Dec 2008 10:15:51 +0000 banlieue International http://banlieue.blogsport.de/2008/12/19/vorstadtunruhen-in-malmoe/ Nach der Schliessung eines muslimischen Kulturzentrums im südschwedischen Malmö sind erneut gewalttätige Ausschreitungen von Jugendlichen ausgebrochen.

Demonstranten hätten die Polizei mit Steinen beworfen, ausserdem seien Bombendrohungen gegen die Ordnungshüter ausgesprochen worden, sagte eine Polizeisprecherin am Donnerstagabend. Seit dem Nachmittag seien mehrere Autos und Abfalleimer angezündet worden. Die Polizei meldete eine Festnahme.

Die Krawalle stehen nach Angaben der Polizei im Zusammenhang mit der Schliessung eines muslimischen Kulturzentrums in dem von vielen Einwanderern bewohnten Stadtteil Rosengaard. Der Besitzer des Gebäudes, das eine Moschee und andere Einrichtungen beherbergt hatte, wollte das Haus anderweitig nutzen.

Eine Gruppe Jugendlicher hatte das Gebäude daraufhin Ende November besetzt. Anfang dieser Woche schritt die Polizei ein, um das Haus zu räumen. Nachdem die Polizisten das Gebäude am Mittwoch verlassen hatten, versuchten Jugendliche erneut, es zu besetzen.

Während der anschliessenden Krawalle wurde die Polizei mit Steinen und Flaschen beworfen. 17 Randalierer wurden festgenommen.

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Die „Locherguet-Jungs“ http://banlieue.blogsport.de/2008/12/18/die-locherguet-jungs/ http://banlieue.blogsport.de/2008/12/18/die-locherguet-jungs/#comments Thu, 18 Dec 2008 11:49:01 +0000 banlieue Schweiz http://banlieue.blogsport.de/2008/12/18/die-locherguet-jungs/ Locherguet

Die «Locherguet-Jungs», eine Gruppe Jugendlicher aus der Unterschicht, macht seit Wochen mit Gürtelschnallen und Stangen Jagd auf GC-Fans. Bisher konnte sie niemand stoppen.

Sie nennen sich «Alphatier one» und «Mörder im Revier». Sie bezeichnen sich als pervers und als Psychopathen und singen vom Strassenkampf im Kreis 4. «Ich bin vollgepumpt mit Hass», heisst es in einem Rap. Zumindest Letzteres ist ernst gemeint.

Was die Hiphop-Bands «gsezhlos» und «ZH Nachwuchs feat» besingen, setzt ein Teil ihrer Mitglieder und Anhänger als Locherguet-Jungs in die Tat um. Gemäss Polizeiangaben besteht die Gruppe aus rund einem Dutzend Männer im Alter zwischen 15 und 20 Jahren. Einige wohnen im Lochergut-Quartier, andere sonst wo in der Stadt. Die meisten sind der Polizei namentlich bekannt, aber die wenigsten bisher in flagranti erwischt worden.

Seit Beginn dieser Fussballsaison stehen sie in der Südkurve des FC Zürich, wo seit je eine innige Abneigung gegen den Grasshopper-Club gepflegt und in der Regel verbal geäussert wird. Doch die Locherguet-Jungs gehen einen Schritt weiter und lassen die Fäuste sprechen. «Manche GC-Fans getrauen sich nicht mehr an die Spiele», sagt ein GC-Anhänger.

Prügel, Raub und Erniedrigung

Die Übergriffe passieren nicht nur an Derbys. Trägt der Grasshopper-Club ein Heimspiel aus, müssen seine Anhänger damit rechnen, an der Haltestelle Lochergut aus dem Tram gezerrt, verprügelt und ausgeraubt zu werden. Einen 12-Jährigen nötigten die Locherguet-Jungs, die Schuhe auszuziehen und bei bitterer Kälte barfuss in den Letzigrund zu laufen.

Am vorletzten Sonntag überfielen sie, vermummt und mit Stangen und Gürtelschnallen bewaffnet, nach der Rückreise vom Cupspiel des FCZ in Wil fünf GC-Fans, die im Restaurant Federal im Hauptbahnhof ihr Bier tranken. Gemäss einem Augenzeugen schlugen sie einem GC-Anhänger einen Stuhl auf den Kopf, worauf dieser ins Spital eingeliefert wurde. Der Kantonspolizei gelang es, einen Randalierer festzunehmen.

Feindbild GC

Immer wenn sich die Wege von FCZ- und GC-Fans kreuzen, müssen die Anhänger der Grasshoppers gewärtigen, «drunterzukommen», wie es im Jargon heisst. Die Locherguet-Jungs nehmen dabei keine Rücksicht darauf, ob es sich bei den GC-Fans um Gruppierungen handelt, die selber Prügeleien nicht abgeneigt sind, oder ob sie Familienväter und Kinder sind. Allein die Tatsache, dass jemand einen GC-Schal oder eine GC-Mütze trägt, genügt den Locherguet-Jungs als Feindbild, um gegen ihn vorzugehen. Manchmal reisen sie den Hoppers auch hinterher: Beim Cupspiel in Wohlen musste die Polizei einschreiten, um Übergriffe seitens der Locherguet-Jungs zu verhindern.

«Diese Jugendlichen haben kein Problem, Gewalt anzuwenden, weil sie keine Empathie für andere empfinden», sagt der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Der Fussball und die gegnerischen Fans seien lediglich ein Vorwand, um sich zu prügeln, weil sie in diesem Umfeld leicht «Feinde» finden.

Laut Guggenbühl sind die meisten Jugendlichen in der Lage, zwischen Virtualität und Realität zu unterscheiden. Sie provozieren beispielsweise mit sexistischen Inszenierungen, weil sie so ein gesellschaftliches Tabu brechen können, lassen es dabei aber bewenden. Irritierend im Falle der Locherguet-Jungs sei hingegen, dass sie zur Tat schreiten: «Sie wollen ihr jämmerliches Dasein mit einem Ghettomythos aufwerten», sagt Guggenbühl.

Tatsächlich legt der soziale Hintergrund der Locherguet-Jungs den Schluss nahe, hier verschaffe sich die Unterschicht auf eine destruktive Art Aufmerksamkeit: Einige der Locherguet-Jungs haben keinen Schulabschluss, andere finden keine Lehrstelle und sind arbeitslos, andere wiederum verrichten unqualifizierte und schlecht bezahlte Jobs. Bei einzelnen sassen schon die Eltern im Gefängnis. Die meisten stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Wie aus dem Nichts aufgetaucht

Die Gespräche zwischen führenden Köpfen der Südkurve und den Locherguet-Jungs blieben bisher wirkungslos. Der Südkurve ist es nicht gelungen, mässigend auf die Gruppierung einzuwirken, die im Sommer wie aus dem Nichts aufgetaucht war, und diese zu integrieren.

Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass die Locherguet-Jungs auch auf Sympathisanten in der Südkurve treffen. Im FCZ-Forum wurden jedenfalls Beiträge, welche die Übergriffe auf GC-Fans offen zur Sprache brachten und kritisierten, gelöscht. Zudem hielten im letzten Derby einige FCZ-Fans ein Transparent in die Höhe, worauf GC-Anhänger unmissverständlich zu einer Schlägerei nach dem Spiel aufgefordert wurden.

Laut Augenzeugen machen auch einzelne ehemalige Mitglieder der aufgelösten Gruppierung Anthrax, die im Rahmen einer Fehde vor einem Jahr einen GC-Fan im aargauischen Suhr entführten, gemeinsame Sache mit den Locherguet-Jungs: Nach dem letzten Derby griff ein Mob von schätzungsweise 30 bis 50 teilweise vermummten FCZ-Fans zwischen dem Central und dem Hauptbahnhof GC-Anhänger an, unter ihnen Ultras, aber auch Familienväter und Jugendliche. Der Mob stahl Schals, rempelte die GC-Fans an oder schlug sie.

Dieser Artikel basiert auf Quellen, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. (Tages-Anzeiger)

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Power to the people! http://banlieue.blogsport.de/2008/05/25/power-to-the-people/ http://banlieue.blogsport.de/2008/05/25/power-to-the-people/#comments Sun, 25 May 2008 21:43:56 +0000 banlieue International http://banlieue.blogsport.de/2008/05/25/power-to-the-people/ südafrika

Während einer Kundgebung gegen Fremdenhass in den südafrikanischen Vorstädten (Kapstadt)

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Die Banlieue Serie (Teil 11) http://banlieue.blogsport.de/2008/05/19/die-banlieue-serie-teil-11/ http://banlieue.blogsport.de/2008/05/19/die-banlieue-serie-teil-11/#comments Mon, 19 May 2008 19:56:51 +0000 banlieue International http://banlieue.blogsport.de/2008/05/19/die-banlieue-serie-teil-11/ Lagos

Dies ist der elfte Teil der Serie über die Banlieues, die Slums, die Villas Miseria und die Shantytowns der Welt, welche in der Wochenzeitung (WOZ) erscheint. Diesmal gibt uns ein Hintergrundbericht Einblick in die Armenviertel von Lagos.

Lagos/Ajegunle
Bete dir den Weg hinaus
Von Judith Reker

Nur wenige Megacitys wachsen so schnell wie die nigerianische Hafenstadt Lagos. Der Staat funktioniert nicht, die Armenviertel quellen über. Aber in einer Strasse wurden die Wände neu gestrichen, in einem Hinterhof tanzen Jugendliche. Hoffnungsvolle Signale?

«6°n». Sechs Grad Nord. Die Lounge mit kühlblau strahlender Glasbar, an der die Reichen und Schönen aus Cocktailgläsern Dirty Nipples, Abuse Machines und Absolute Testa Rossas nippen, ist nach den Koordinaten von Lagos benannt. Dritter östlicher Breitengrad, sechster nördlicher Längengrad. Hier fällt sie ins Weltraster, die nigerianische Hafenstadt, mit vielleicht zehn Millionen EinwohnerInnen. Oder vielleicht auch achtzehn Millionen. Je nachdem, welcher der zwei offiziellen Volkszählungen im Jahr 2006 man folgen will. Man stelle sich das vor: Die Ergebnisse liegen um mehr als die gesamte Bevölkerung der Schweiz ausein­ander.

Raphael Godwin ist Türsteher im «6°n». Anders ausgedrückt: Er hat es geschafft. Der Mann aus dem berüchtigten Armenviertel Ajegunle hat einen Job, um den ihn viele beneiden. 20 000 Naira, 185 Franken, verdient er im Monat (der billigste Champagner im «6°n» geht für 140 Franken über den Tresen). Das hat der Mittvierziger seiner Figur zu verdanken. Vom rasierten Vierkantschädel abwärts türmen sich Muskelberge, die jeden Störer zu erdrücken drohen. Godwin stemmt locker 400 Pfund am Stück in einem der unzähligen Fitnessstudios, die sich in Hinterhöfen der erbärmlichsten Viertel verstecken, in Ajegunle, Okobaba, Bariga und vielen mehr.

Alle raus! Sofort!

Dorthin verirren sich die Wohlhabenden von Lagos nicht. Nur die Armen kennen beide Welten. Wenn die Banker, Geschäftsleute und LandbesitzerInnen im täglichen Stau stehen, sind die Habe­nichtse immer schon da. Als fliegende Händler paradieren sie bei vierzig Grad Hitze ihre Waren den kühlen klimatisierten Fensterscheiben entlang. Mit Wasserbeuteln, Taschentüchern, Spielzeug, Erdnüssen, Autoersatzteilen, Sonnenbrillen, Handykarten zwängen sie sich zwischen den Blechlawinen hindurch. Und konkurrieren um die Lücken zwischen den Autos mit den dauerhupenden Okadas, den Mopedtaxis.

«Lagos ist ein einziger Markt», sagt der Architekturprofessor David Aradeon. Bis wenige Zentimeter an die Autos heran drängen die Marktstände. Rohe Fleischbrocken stapeln sich in Abgaswolken, geschälte Orangen formen Pyramiden. Selbst unter den mächtigen Fly-overs, den Autobahnen auf Betonpfeilern, wird ge- und verkauft, schlafen Menschen bei ihren Ständen. Der Müll brodelt, der Verkehr ist epileptisch, die Bevölkerung wächst schneller als in jeder anderen Mega­city, die Stadt quillt über.

Was man in Lagos vergeblich sucht, ist eine öffentliche Hand, die schützend oder ordnend eingreift. Wenn sie sichtbar wird, dann zum Beispiel so: Ich stehe kurz vor Ajegunle im Stau, euphemis­tisch «go slow» genannt. Zwei gelbe Mini­busse, in denen sich Marktfrauen mit ihren Körben drängen. Plötzlich taucht ein Dutzend Polizisten auf, Spezialeinheit, grosse Männer in schwarzen Shirts, auf denen «Raider» steht. Sie stellen sich mit ihren Gewehren vor die Fahrzeuge, schreien «Raus!» und zerren auch schon die ersten Passagiere aus den Bussen. Innerhalb einer Minute sind die öffentlichen Verkehrsmittel samt Fahrern gekapert und bahnen sich den Weg zu irgendeinem Spezialeinsatz.

Manche ZuschauerInnen schütteln den Kopf, wenige lachen, den meisten aber ist der Vorfall keine Regung wert. Er ist zu alltäglich. Die Polizei hat fast keine eigenen Fahrzeuge, deshalb nimmt sie sich eben, was sie braucht. Die Polizei als Ordnungshüterin? Welche Ordnung sollte das sein?

Von Lagos lernen?

Ganz kurz einmal war Lagos sexy. Denn da sah plötzlich einer eine Ordnung, und nicht irgendeiner, sondern der holländische Architekt Rem Koolhaas, der zur internationalen Avantgarde der Stadttheoretiker zählt. Wo all die anderen Urbanisten nur Dysfunktion und unkontrolliertes Chaos feststellten, da entdeckte Koolhaas eine eigene Ordnung jenseits von öffentlicher Stadtplanung. Er sagte sogar, die Frage sei nicht, «ob Lagos mit dem Westen Schritt halten kann, sondern ob wir in der Lage sind, mit Lagos Schritt zu halten».

Koolhaas war in den neunziger Jahren im Präsidentenhubschrauber über die Stadt geflogen und hatte festgestellt, dass «aus der Luft betrachtet, der scheinbar brennende Müllhaufen in Wirklichkeit ein urbanes Phänomen war, auf deren Kruste eine hochorganisierte Gemeinschaft lebt». Für solch im wörtlichen Sinn abgehobene Sicht bezog Koolhaas reichlich Schelte. Ein Kritiker der Zeitschrift «New Yorker» ätzte, mit einem so ästhetisch distanzierten Blick aufs Elend zu schauen, sei genauso schlimm wie gar nicht hinzuschauen.

Die Karawane des Avantgarde-Jetsets ist längst weitergezogen. Übrig geblieben sind die LagosianerInnen. Und unter ihnen jene, die versuchen, ihre Stadt ein wenig lebenswerter, ein wenig schöner, zu machen.

Als vor zwei Jahren ein Dutzend KünstlerInnen in die Goriola Street einfiel, wussten die BewohnerInnen nicht, wie ihnen geschah. Die Strasse im Stadtteil Ajegunle ist nur wenige verwinkelte Gassen vom «Safety Gym» entfernt, in dem der Türsteher Raphael Godwin seine Muskeln trainiert. Eine ruhige Strasse, nur in der Ferne Mopedknattern, fast schon ein Dorfweg durch eine – wie in vielen Armenvierteln – in sich geschlossene Welt.

Der Zauber der bunten Wände

Oyediya Kalu und Olisakwe Motunrayo sitzen vor einem gelben Haus und erinnern sich. «Wir haben uns alle gewundert. Zuerst dachten wir, das ist irgendwas Rituelles», sagt die 28-jährige Coiffeuse Motunrayo. In Nigeria fürchten sich viele vor Zauberei. «Dann haben sie uns gesagt, dass sie wirklich nur unsere Strasse schöner machen wollen.» Ein bisschen scheint sie sich immer noch zu wundern.

Die Idee kam vom nigerianischen Künstler Emeka Udemba, der seit zehn Jahren in Freiburg im Breisgau lebt. Der 39-Jährige und elf weitere KünstlerInnen aus Lagos malten in der Goriola Street ­zusammen mit den Bewohner­Innen Hauswände an, stellten Skulpturen auf, veranstalteten ein grosses Fest. «Ich wollte dem Ort durch Kunst eine Identität geben», sagt er. Die Menschen hier bräuchten einen Grund, sich nicht für ihre Herkunft zu schämen. Ajegunle ist zwar berühmt für die Fussballer und die Musiker, die es hervorgebracht hat. Der Newcastle-United-Stürmer Obafemi Martins und auch Jonathan Akpoborie, früher beim Fussballklub VfL Wolfsburg unter Vertrag, kommen aus Ajegunle. Aber noch grösser ist der Ruf des Quartiers als Nest von Kriminellen und VersagerInnen.

«Da drüben läuft Omosa.» Die Coiffeuse zeigt auf einen in weiss gekleideten Mann, der gerade ein Haus betritt. Alle paar Sätze speit sie einen Mundvoll Spucke neben ihre Füsse und wischt dann mit dem Schuh darüber. Der Trompeter Michael Omosa, auch er wohnt in der Goriola Street, übernahm damals die Aufgabe, den Ältesten die Idee zu erklären. «Zuerst dachten die Leute, die wollen Böses, dann dachten sie, das ist Kinderkram, aber schliesslich haben sie kapiert, dass es Fun ist.»

«Ausserdem», sagt Frau Kalu, die vor ihrem Haus Makkaroni und Kochbananen verkauft, «sind unsere angemalten Häuser gut fürs Geschäft.» Die Coiffeuse nickt und spuckt: «Leute kommen, nur um zu schauen. Und dann kaufen sie was zu essen oder lassen sich die Haare machen. Auch die Musikindustrie kommt, die haben schon drei Videos hier gedreht.»

Für den Initiator Emeka Udemba, der jährlich in die Goriola Street zurückkehrt, «ist das Wichtigste die Wirkung in den Köpfen. Die Leute haben gesehen, dass sie selbst etwas tun können, um ihre Umgebung zu verbessern.» Und der Kulturjournalist Chuka Nnabuife von der in Lagos erscheinenden Zeitung «The Guar­d­ian» ergänzt: «Die Leute sollten einen Touch Schönheit bekommen. Kunst und Schönheit werden zu sehr als ein Vorrecht der Reichen gesehen.»

Die falsche Karte

Schönheit, hat ein Schriftsteller gesagt, Schönheit ist die Verheissung von Glück. Wenn das so ist, dann muss es sich lohnen, die Schönheit zu suchen in dieser Stadt, die aufs Gemüt drückt, in der oft tagelang die Sonne ausgesperrt wird von schweren, zum Greifen nahen Wolken, die einen monochromen Grauschleier über alles werfen, in der einem der Geruch von faulen Eiern und die süsslich-giftigen Dämpfe aus den Sägewerken an der Lagune die Tränen in die Augen treiben.

Doch Projekte wie das von Ajegunle sind so schwer zu finden wie die Steck­nadel im Heuhaufen. Ich habe viele LagosianerInnen nach weiteren Kultur­projekten in den ärmeren Quartieren gefragt, ihnen allen fiel nur die Goriola Street ein. «Und selbst das kam von einem, der die Stadt verlassen hat», sagte ein Architekt. Seine Kollegin fügte hinzu: «Solche Projekte klingen nicht nach lagosianischer Mentalität.» Wo das Überleben so viel Kraft kos­tet, ist sich der Einzelne vielleicht noch mehr als anderswo selbst der Nächste.

Hinzu kommt: Lagos zermürbt die kreativen Geister, die etwas ändern wollen. An Plänen und Ideen fehlte es nie, nur hat noch keine Regierung mit der Umsetzung ernst gemacht. «Dies hätte eine schöne Stadt sein können», sagt David Aradeon nachdenklich. Er spricht vom Spiel von Wasser und Land, von den frühen Gebäuden in brasilianischer Architektur, welche der Stadt einen eigenen Charakter hätten geben können. Der 1933 geborene Architekt mit ausladendem weissen Afroschopf sitzt über meinem in einem guten Buchladen gekauften Stadtplan von Lagos. «Was ist das? Diese Karte ist ein Quatsch. Wer macht so etwas? Kein Kartograf jedenfalls.» Dort sei Land eingezeichnet, wo in Wirklichkeit Wasser ist, die Grössenverhältnisse seien falsch und so weiter.

Dabei war mein Stadtplan der einzige, den es überhaupt gab. Aradeon erklärt, warum der Verkehr nicht funktionieren kann. Mit dem Finger fährt er Strassen entlang, der Finger erstarrt – die Strasse hört einfach auf. Kein Fehler der Kartografen diesmal, so ist das Strassennetz von Lagos tatsächlich. Der emeritierte Stadtplaner schreibt heute lieber Aufsätze, als weiter darauf zu hoffen, dass einmal einer seiner Pläne ausgeführt wird.

Glück und Gebete

Ähnlich sieht es in der jüngeren Generation aus: Der Architekt Koku Konu imponierte 2002 während einer Veranstaltung der Kasseler Kunstausstellung «documenta» mit konkreten Ideen zur Verbesserung der Lebensqualität. Er und seine KollegInnen vom CIA, der «Creative Intelligence Agency», entwarfen zum Beispiel öffentliche Pissoirs, Pinkelrinnen mit Sickergruben, die ein kleiner Schritt in Richtung Hygiene gewesen wären. Aber die Stadtverwaltung finanzierte ihre Projekte nicht. Heute jettet Konu lieber von einem westafrikanischen Land zum nächsten, um Banken zu bauen. «Man hat irgendwann keine Kraft mehr», sagt er am Telefon aus Gambia. «Es ist traurig, das zu sagen, aber ja: Unsere Ideen sind gescheitert.» Ein noch jüngerer Architekt, Ayodele Arigbabu, entlädt sein kreatives Potenzial in einer bissigen Magazinkolumne. Als kürzlich das verrottende Nationaltheater verkauft werden sollte, einst ein hoffnungsvoller Siebzigerjahrebau, der wie ein Raumschiff inmitten von grünem Sumpfland steht, schrieb der 27-Jährige: «Wie wärs – wir verkaufen es an eine Megakirche? Die Kirchen wissen den Wert von grossen Gebäuden wenigstens zu schätzen.»

Damit spielte Arigbabu auf die riesigen Kirchen an, die sich entlang der Autobahn von Lagos nach Ibadan wie Satellitenstädte aneinanderreihen. Mehr als 50 000 Menschen fassen ihre Säle. Die Verheissung von Glück, hier findet sie an Wochenenden statt, und die Hunderttausenden demonstrieren, wie sehr sie dieser Verheissung bedürfen. «Wenn du in Nigeria Gott nicht nahestehst, stirbst du», hat in Ajegunle jemand gesagt. Und zugefügt: «Selbst die bewaffneten Räuber beten, bevor sie dich erschiessen.»

Der Lagos-Ibadan-Highway ist ­eine apokalyptische Landschaft. Ausgebrann­te und brennende Wracks, Schlaglöcher wie Meteoritenkrater, Autofahrer, die mit über 150 Sachen auf die Gegenspur wechseln, weil ihnen ihre eigene zu langsam ist. Bei einem früheren Aufenthalt in Nigeria fuhr ich von Lagos in Richtung Niger­delta. Am Strassenrand lag ein nackter Toter, der Körper stark aufgedunsen. Bei der Rückkehr nach Lagos vier Tage später lag der Mann immer noch dort, schon gebläht wie ein Ballon.

Mein Begleiter sagte: Da kommt keiner, um ihn zu holen. In Afrika zählt ein Menschenleben nichts, hört man oft. Das stimmt natürlich nicht. Ein Verschwundener wird in Lagos von seinen Liebsten ebenso vermisst und betrauert wie überall sonst auf der Welt. Doch der Staat fühlt sich nicht angesprochen, das ist der grosse Unterschied zwischen einem Land wie Nigeria und einem Land wie der Schweiz.

Die Area Boys

Die Kreativen, die sich mit Lagos und seiner Verwaltung beschäftigen, resignieren. Doch anderen, etwa Musiker­Innen, scheint die Lagunenstadt ständig Inspiration zu geben. Das gilt auch für den deutsch-nigerianischen Musiker Adé Bantu. «Ich kenne Lagos seit mehr als 25 Jahren und entdecke immer wieder Neues», sagt der 36-jährige Mitgründer der afrodeutschen Gruppe Brothers ­Keepers.

«Alles ist extrem hier, ich mag das, ich mag die Lautstärke, die extremen Gerüche, die Gegensätze.» Klar, sagt er, sein Bild sei «romantisierend, weil ich immer wieder Abstand gewinnen kann. Lagos ist gleichzeitig ein Moloch, hier gilt ’survival of the fittest‘.» Aber, sagt Bantu: «Lagos gibt dir auch das Gefühl, dass sich das Leben am nächsten Tag um 180 Grad drehen könnte, dass du plötzlich als Millionär aufwachst.»

Mit dem Theatermann Segun Adefila gehe ich im Stadtteil Bariga einfach dem starken Geruch von Marihuana nach, bis wir eine besondere Gruppe Glücksritter antreffen, Desperados eher, die sogenannten Area Boys. Das ist der vage Sammelbegriff der LagosianerInnen für alles, was ihnen Angst macht. Area Boys, das können Gangs sein, die vom einfachen Diebstahl über bewaffneten Raub bis zur von Politikern gekauften Wahlkampfschlägerei alles im Programm haben. Aber auch eine Gruppe unbescholtener Obdachloser wird schnell zu Area Boys erklärt, solange man sich nur vor ihnen fürchtet.

Da, wo der Slum ans Meer stösst, stehen sie an einem Wellblechverschlag, rauchen und trinken Gin mit Milch. Im Hintergrund zieht sich die Third Mainland Bridge zwölf Kilometer lang übers Meer, um die Inseln und das Festland von Lagos zu verbinden. «Gut, manchmal müssen wir kämpfen, um uns zu verteidigen», sagt einer. Das hier sei schliesslich ihr Revier. «No Money – No Love» steht auf einem T-Shirt. Sie erzählen von tagelangen Schlachten in Bariga, bei denen die Häuser der Gegner und ihre eigenen in Flammen aufgingen. «Im Prinzip sind wir alle Area Boys», sagt Adefila, der es als «wichtigen Teil meiner Arbeit» betrachtet, «immer wieder zu fragen: Wieso bin ich dem entkommen?» Gemeinsam mit seinem Freund Seun Awobajo betreut Adefila eine Kindertheatergruppe. Im engen Betonvorhof von Awobajos Haus proben sie jeden Nachmittag. Sie tanzen, spielen Theater, tragen Gedichte vor, lernen Instrumente. «Footprints Academy» nennen sie sich. In die Fussstapfen der eigenen Kultur sollen sie treten, von den Älteren lernen, die ihr Wissen weitergeben. Segun sieht das als eine Art Jugendschutzmassnahme, denn «die Jungen hier sind die nächs­te Generation potenzieller Area Boys».

Gerade proben die Kinder ein Stück über Kindsmisshandlung. Ein zarter Junge tritt auf, aus seinem nackten Oberkörper drücken die Rippen. «Lasst uns über Kindsmisshandlung sprechen», deklamiert er. Sein Rücken ist gezeichnet von vernarbten Striemen. «Das Kind weiss, wovon es spricht», sagt Segun leise.

Teure Rückreise

«Lagos übt eine Anziehungskraft aus, auch auf die Ärmsten», sagt Adé Bantu. Das stimmt: Der Magnet zieht jährlich allein aus Westafrika 600 000 Hoffnungsvolle an. Die meisten bleiben, obwohl sie den wirtschaftlichen Aufstieg niemals schaffen. Der Türsteher Raphael Godwin, der am Tag im Armenviertel lebt und in der Nacht die Reichen beschützt, gehört da schon fast zu den Erfolgreichen.

Manchmal hindern kulturelle Regeln die Menschen daran, Lagos wieder zu verlassen. Traditionen, die mit den Lebensbedingungen der Verstädterung nicht Schritt gehalten haben. Bei der Schneiderin Gladys Onwu ist das der Fall. «Ich würde gern zurück nach Hause gehen», sagt die 45-Jährige, die in Ajegunle ein kleines Atelier betreibt. Das geht aber nicht, denn bei ihrer Rückkehr muss sie zahlen. In der Tradition ihrer Volksgruppe, der Igbo, trifft sich das Dorf einmal im Jahr im August und legt Geld zusammen. Wer nicht kommt, muss 5000 Naira Strafe zahlen. Frau Onwu zahlt, aber für sie kommt das immer noch billiger als die Fahrt nach Hause und die Geschenke für die Grossfamilie. Für viele Dorfbewohner­Innen bedeutet eine Verwandte aus Lagos eben das, was in der Schweiz einmal die Tante in Amerika war.

Auf der Heckscheibe eines der gel­ben Minibusse, die zu Tausenden durch Lagos knattern, blättern Buchstaben ab. «Bete dir den Weg hinaus», kann man gerade noch lesen.

Zentrale des Sklavenhandels

Lagos besteht aus einer Reihe von Inseln – Victoria Island, Lekki, Ikoyi, Iddo und Eko beziehungsweise Lagos Island – und einem immer dichter besiedelten Areal auf dem angrenzenden Festland. Die Stadt ist in sechzehn Verwaltungseinheiten gegliedert.

Sein historisches Zentrum – und ursprünglicher Name – ist Eko, heute ein Viertel auf Lagos Island. Die Bini, Nachfahren des beninischen Reichs, siedelten hier im 16. Jahrhundert. Wo sich damals Gemüsefelder erstreckten, steht heute der Palast des Oba (Oberhaupt der Bini), der zwischen den engen Häusern und Marktstrassen auf Lagos Island kaum noch zu sehen ist.

Portugiesische Kolonialherren gaben der Stadt ihren heutigen Namen und verdienten – wie britische Kauf­leute – viel Geld mit dem Sklavenhandel. 1861 besetzte Britannien Lagos und erklärte es 1914 zur Hauptstadt mehrerer Kolonialgebiete, denen London den Kunstnamen Nigeria gab. Die damals gezogenen Grenzen gelten heute noch.

Seit 1991 ist Abuja Sitz der Regierung. Doch Lagos bleibt das Wirtschaftszentrum des mit 140 Millionen EinwohnerInnen bevölkerungsreichsten Staats in Afrika. Der Hafen von Lagos ist ein wichtiger Umschlagplatz. Banken, Finanz- und Baugewerbe, mehrere grosse Industrieanlagen begründen die wirtschaftliche Vormachtstellung der Stadt. Dadurch erklärt sich der Sog, den Lagos auf jährlich Hunderttausende Arbeitsuchende aus der gesamten westafrikanischen Region ausübt. Dem Staatsministerium für Raumplanung zufolge siedeln sich in Lagos jede Minute fünf bis zehn neue MigrantInnen an.

Endstation Ajegunle

«Wir nennen es USA, United States of Ajegunle, weil Leute von überall hier leben», sagt der Sozialarbeiter Ken Iwogbe, 29, der aus dem Nigerdelta stammt. Ajegunle, im Westen des Festlands gelegen, gilt als eines der ältesten Slums von Lagos. Schätzungen zufolge lebt hier mehr als eine Million Menschen.

Der Ajegunle-eigene Slang und manche Redewendungen zeugen von der Kultur der MigrantInnen. Der häufig gehörte Satz «Gimme de l‘argent» weist beispielsweise auf den hohen Anteil an frankofonen MigrantInnen aus West­afrika hin. Die BinnenmigrantInnen kommen aus allen Re­gionen: Unter ihnen viele aus dem Nigerdelta, aber auch Hausa-Sprechen­de aus dem Norden und Ange­hörige der Yoruba.

Seinen schlechten Ruf verdankt Ajegunle mehreren gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Besonders viele Tote forderten Strassenschlachten im Oktober 2000. Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge war der Auslöser ein Diebstahl. Aus ihm entwickelte sich schnell eine Spirale der Gewalt, der über 250 Menschen zum Opfer fielen. Yoruba kämpften gegen Hausa – ein Konflikt, der seit der Unabhängigkeit (1960) schwelt und bei dem es um politische Kontrolle geht.

Der Stadtteil Bariga liegt im nördlichen Teil des Festlandes und erstreckt sich bis ans Meer. Hier, wie in vielen anderen Vierteln, stehen dicht gedrängt kleine Häuser. Der Name Bariga rührt angeblich daher, dass die Zimmertüren an den schmalen Fluren direkt gegenüberliegen. Meist teilen sich mehrere Menschen einen Raum.

Auch in Bariga leben zahlreiche MigrantInnen, vor allem aus Nigeria. Wegen der Nähe zum Meer hatten sich hier früh Fischer angesiedelt. Auch heute noch fahren viele in winzigen Segelbooten in die Lagune – aber nicht, um Fische zu fangen, sondern um Sand zu schaufeln, der für die unzähligen Baustellen von Lagos benötigt wird.

Bariga und Ajegunle zählen zu den neun grössten Slums von Lagos.

Die Banlieue-Serie

Dies ist der elfte Teil unserer Serie über die Banlieues, die Slums, die Villas Miseria und die Shanty Towns der Welt. Bisher erschienen Reportagen aus Marseille (WOZ Nr. 16/07), Bombay (18/07), Buenos Aires (24/07), Istanbul (26/07), Nairobi (36/07), Berlin (40/07), Peking (43/07), Sevilla (46/07), Manila (49/07) und Rio de Janeiro (7/08).

Quelle: www.woz.ch

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Ein bisschen französisch… http://banlieue.blogsport.de/2008/04/26/ein-bisschen-franzoesisch-2/ http://banlieue.blogsport.de/2008/04/26/ein-bisschen-franzoesisch-2/#comments Sat, 26 Apr 2008 20:00:19 +0000 banlieue Frankreich http://banlieue.blogsport.de/2008/04/26/ein-bisschen-franzoesisch-2/ Zwei Bannmeilengeschichten dieser Tage…

Ein aktuelles Ereignis aus dem Vorstadtnorden von Marseille:

Attaque d‘un train près de Marseille

Un train de marchandises a été attaqué dans la nuit de jeudi à vendredi dans les quartiers nord de Marseille
les voleurs sont repartis avec un butin… de coussins de la marque Playboy, a-t-on appris samedi de source policière.

Les voleurs ont contraint le train de 700 mètres de long à s‘arrêter en plaçant des traverses de bois sur la voie ferrée, a précisé la source policière, ajoutant que l‘incident avait fait peu de dégâts

Tandis que le conducteur s‘enfermait dans sa cabine, les malfrats ont fait sauter les serrures d‘une dizaine de conteneurs entreposés sur les wagons. La totalité du butin et son montant ne sont pas encore connus. Les voleurs ont pris la fuite dans un véhicule qui a été retrouvé incendié.

Les voleurs semblaient avoir tout prévu, sauf l‘arrivée d‘un second convoi qui les a prématurément mis en fuite.

Selon le quotidien La Provence qui a publié l‘information, de nombreux vols de ce type étaient déjà intervenus sur ces mêmes voies en 2005.

Und noch ein trauriges Ereignis aus der Pariser Bannmeile:
Solidarität mit allen Sans-Papiers!

Un incendie dans un squatt fait un mort

Un jeune homme est mort samedi dans l‘incendie d‘un immeuble insalubre squatté par des sans-papiers à Saint-Denis
Les pompiers, mobilisés sur cet incendie qui s‘est déclaré à 4h00 du matin, rue Couignet, ont fait état d‘un „jeune homme décédé“ et de „trois blessés dont un grave“.

Environ 260 personnes, dont de nombreuses familles africaines, occupaient cet immeuble squatté depuis 5 ans, qui a été évacué. Il faisait l‘objet d‘un programme de rénovation.

„28 familles, c‘est-à-dire 105 personnes ont besoin d‘être relogées et la mairie s‘y emploie“, a indiqué a l‘AFP Stéphane Peu, adjoint au maire chargé de l‘habitat de cette ville de Seine-Saint-Denis.

Une enquête a été diligentée pour connaître les causes du sinistre. La mairie, tout comme le porte-parole de la Coordination 75 des sans-papiers, évoquent toutefois une origine accidentelle.

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Die Banlieue-Serie (Teil 10) http://banlieue.blogsport.de/2008/02/19/die-banlieue-serie-teil-10/ http://banlieue.blogsport.de/2008/02/19/die-banlieue-serie-teil-10/#comments Tue, 19 Feb 2008 20:30:27 +0000 banlieue International http://banlieue.blogsport.de/2008/02/19/die-banlieue-serie-teil-10/ favelas

Dies ist der zehnte Teil der Serie über die Banlieues, die Slums, die Villas Miseria und die Shantytowns der Welt, welche in der Wochenzeitung (WOZ) erscheint. Diesmal gibt uns ein Hintergrundbericht Einblick in die Favelas von Rio.

Morro de la Coroa
Die Zebrafreunde und ihre grossen Brüder
Von Lennart Laberenz, Rio de Janeiro

Rio de Janeiro, gerne als Inbegriff brasilianischer Lebensfreude wahrgenommen, geht allmählich vor die Hunde. Die Armut nimmt zu, die Gewalt ebenfalls. Zum Glück und zum Trost gibt es den Fussball.

Nein, weiter wirklich nicht. Der Taxifahrer hält und rechnet ab, mit entschlossenen Bewegungen. Bis hier hin, den Rest dann alleine. Vor dem Wagen ragt eine steiler Felsen aus der Senke, in die wir vom hübschen Künstlerviertel Santa Terésa hinabgefahren sind. Links führt die Strasse weiter bergab; die Gebäude, die sie säumen, stammen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, ihre Pracht ist vergilbt und bröckelt. Rechts ein kleiner Gemischtwarenladen, vor dem alte Männer ihre Tage bei Kaffee und Bier verbringen. Ein paar Autos warten im hohen Gras auf die längst fällige Reparatur.

Die Strasse ist aus grobem Kopfstein, neben einem Markt johlen zwei Jugendliche, beide noch in der Pubertät. «So eine wie ich hat keiner», brüllt der eine, es klingt angetrunken. Er schwenkt seine Kalaschnikow und tanzt im Kreis. Freundlich grüssen, vorbeigehen.

Der Eingang zum Morro de la Coroa, einer jener gut bewaffneten Favelas von Rio de Janeiro, ist eine schmale Gasse zwischen geziegelten Häusern. Sie führt steil bergan, die Häuser sind dreistöckig, sie wachsen mit der Familie gen Himmel. Die beiden Jugendlichen, die hier offenbar wachen, sind für einen Moment still. «Schau dich nicht um», warnt Monique Santos, die Kontaktfrau. Ohne sie kämen wir keinen Meter weiter, wer keine Kontakte in die Favela hat, wer nicht von bekannten Gesichtern eskortiert wird, kommt nicht an der Wache vorbei. Monique zieht den Kopf ein und geht rasch voran; sie ist hier geboren.

Die Amigos de Zebrão

Weiter oben treffen wir Juan, gerade zehn Jahre alt, spindeldürr und mit grünem Buschwerk auf den Schultern, Taioba, ein traditionelles Gemüse mit übergrossen, spinatähnlichen Blättern, das langsam vom Speiseplan verschwindet. Vom Verkauf muss die Familie leben. Der Weg führt an anderen Jugendlichen, nur wenig älter, vorbei. Sie lungern auf ausrangierten Autositzen an einer dunklen Weggabelung – mit automatischen Gewehren, Zielfernrohren und klobigen Revolvern. Ein roter Punkt huscht ein paar Meter an der Hauswand mit. Vor ein paar Tagen verlor hier ein Strassenfeger seinen Arm. Ein paar Jungs von gegenüber hatten geschossen.

Juan übergibt die beiden Büsche seinem Vater und holt sein Trikot. Hier oben heisst Juan wie die Blätter, die er verkauft: Er ist Taioba, der Torwart in gelbem Hemd. Auf dem Balkon über dem Platz wartet neben trocknender Wäsche schon ein Kollege in Kluft: Um sieben ist Training, alle sind pünktlich.

Taioba und seine Kumpel trainieren oben in der Coroa, hinter dem Kiosk von Nicinho, auf einem von Wänden eingefassten Betonplatz direkt unter der Bergspitze. «Amigos de Zebrão», die Freunde des Zebras, heisst eine kleine Fussballschule, zu der sie sich viermal die Woche treffen. Eine Stunde mit den Kleinen bis zehn Jahre, dann die Kinder bis dreizehn. Beton und Wände haben sie grün gestrichen, ebenfalls grüne Netze sollen verhindern, dass die Bälle den steilen Fels hinabkullern. Auf Hilfe von der Stadtverwaltung dürfen sie nicht hoffen; sie halten den Platz in Eigenregie und mit Hilfe von Freunden in Schuss. Am Dach des hoch aufragenden Nachbarhauses hängen Baulampen, das Training findet unter Flutlicht statt und nur bei Regen gar nicht. Am hinteren Ende des Platzes steht ein Notausgang immer offen. Für alle Fälle.

Fussball das Mittel, Respekt das Ziel

Das Training leiten Marcus, Ronny und der breit gebaute Luis Claudio, den alle Bugalú rufen. Sie gehören zu den ursprünglichen Zebras, einer Mannschaft, die vor zwanzig Jahren in der Coroa zusammenfand, einem Strassenteam, das sich bald gegen andere Favelamannschaften behauptete. Alle drei sind in der Coroa aufgewachsen, heute Mitte dreissig und haben Familie. Sie arbeiten in einer Bank, in einem Import-Export-Büro und als Strassenwärter – doch das scheint eher nebensächlich. Noch immer lachen sie am liebsten über die alten Geschichten der Zebras und zeigen später beim Bier gelbstichige Fotos mit den gewonnenen Preisen. «Uns konnte keiner», sagt Bugalú mit dem Blick auf das Bild mit einem grossen Pokal.

Und heute? Heute zeigen sie dem Nachwuchs, was sie sich selber erarbeiten mussten. «Für die Kleinen sind wir Trainer, Väter und Lehrer in einem», sagt Ronny, «Respektspersonen eben.» Daran mangele es hier sehr. «Und grosse Brüder», ergänzt Marcus. Denn das mit den grossen Brüdern ist oft so eine Sache.

Seit sechs Jahren trainieren die drei den Nachwuchs aus der Favela. Aber die Fussballschule ist noch mehr als Ballstoppen und Taktikschulung; ihr eigentliches Herz ist etwas, das man eine zivilisierte Alternative mitten in dem Krieg nennen könnte. Bugalú, Ronny und Marcus achten auf gute Manieren, schauen, ob die Schulaufgaben erledigt werden, reden mit den Kindern in einer Form, die diese kaum noch gewohnt sind. Vor allem geht es um Respekt, um Anerkennung und Bestätigung. Denn die Dinge sind aus dem Ruder gelaufen, die Dinge haben sich gewandelt. Und die grossen Brüder sind oft mittendrin.

Vor sieben, acht Jahren, erzählt Bu­galú, war es verpönt, Waffen offen auf der Strasse zu zeigen; Kinder hätten die gleich gar nicht in die Hände zu bekommen. Wenn jemand Gras rauchte und eine Sen­hora kam vorbei, hielt man so lange den Atem ein, bis die ausser Sichtweite war. Monique, heute 28 Jahre, erinnert sich, wie sie als Kind von einem der Gangster eine Kopfnuss bekam: Was sie denn zu später Stunde auf der Strasse zu suchen habe? Ab nach Hause, Kleine, und zwar schnell. «Das ist vorbei», sagt Marcus und schüttelt bedächtig den Kopf. Wenige Augenblicke später tippt ein vielleicht Fünfzehnjähriger dem Reporter auf die Schulter, er will vorbei und bei Nicinho eine Schachtel Zigaretten kaufen. Über der Schulter trägt er eine silbernfarbene Uzi, eine israelische Maschinenpistole.

Wer quer kommt, muss einpacken

Heute geben Marcus und Ronny beim Training die Kommandos. Die Auslinie ist das nächste Haus, eine glatte Wand. Bugalú steht in der Ecke, wo zwei schrankgrosse Kammern unter einen Treppenaufgang führen. Es riecht nach Kot, ausserdem lagert hier schon zu lange ein Sack mit Guaven. Bugalú kommentiert, kritisiert, korrigiert, lobt. Warmlaufen, Ballstafetten, Dribbling.

Draussen, ausserhalb des hell erleuchteten Rechtecks, sind die grossen Brüder mit den Gewehren ein wesentlicher Orientierungspunkt im engen Mikrokosmos der Favelas. Sie geben den Ton an, nehmen und geben, wie es ihnen passt, und der Ton ist heute ein anderer als noch vor zehn Jahren. Bandidos sind es, in unterschiedliche Kommandos zusammengefasst, reich durch Drogenhandel. Sie sind die Organisatoren der Favelas. Wer ihnen quer kommt, sollte schnell seine Sachen packen, Familie und FreundInnen gleich dazu. In den Favelas hört man von Foltermethoden und Spässen, deren Grausamkeit an der menschlichen Moral zweifeln lassen.

Vor zehn, fünfzehn Jahren hielten diese Kommandos noch die Gemeinschaften zusammen, organisierten eine Sozialstruktur, verteilten den Gewinn, achteten auf die Bildung der Nachkommenden. Heute regiert, wer die grössere Waffe trägt, brutaler ist. Konsumgesellschaft, die korrupten Eliten, das vernachlässigte Bildungssystem, die neoliberale Wirtschaftsidee: Es gibt viele Gründe für Wertewandel und Verwahrlosung, für die wachsende Brutalität und die arg beschränkten Möglichkeiten eines sozialen Aufstiegs. Einer davon liegt auch in der langen Geschichte von fehlendem politischem Interesse. Diesem übermächtigen Wandel setzen die Amigos de Zebrão die archaischen Prinzipien des Sports entgegen. Eine Intuition eher, nichts war geplant oder durchdacht. Eine rasche Idee, geboren aus dem Unwillen, die Dinge einfach laufen zu lassen.

«Wenn früher ein Bandido starb, zogen hier alle zur Beerdigung, es herrschte Trauer», erzählt Monique. «Wenn heute einer stirbt, atmen die Menschen auf.» Heute, sagt sie, zählen Geld und Machtsymbole; die sozialen Funktionen der Kommandos seien gänzlich verschwunden. Geblieben sind die Namen, «das rote Kommando», «die Freunde der Freunde» – leere Reminiszenzen an den pseudo-sozialistischen Charakter, den sich die Mafia bis vor zehn Jahren noch zuschrieb.

Und doch, die Verlockung ist eindeutig: Wo Elend den Speiseplan diktiert, nimmt man auch mal einen Gefallen von Leuten an, die offensichtlich alles tun können. Wer die Miete nicht zahlen kann, kein Essen für die Familie hat, spielt früher oder später mit dem Gedanken, den sichtbar wohlhabenden Nachbarjungen um etwas zu bitten – und dafür kleine Botengänge oder Wachdienste zu übernehmen. «Was sollen sie auch tun?», fragt Bugalú. «Nur ganz wenigen Familien steht ein Monatslohn zur Verfügung. So viel Geld verdienen fünfzehnjährige Bandidos in der Woche.» Viele Erwachsene kommen selbst dann, wenn sie zwei Jobs haben, nicht auf den gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 380 Real, umgerechnet knapp 240 Franken.

Die bankrotte Stadt

Rio de Janeiro ist eine geschundene Stadt. Infrastruktur und Lebensgefühl sind zerrieben von Korruption, Armut, Drogen und Gewalt; am Leben gehalten wird sie von Gleichmut und den Mythen der Vergangenheit. Zwischen der Postkartenidylle und dem Leben eines Gross­teils der Bevölkerung, zwischen den Erinnerungen an die goldene Zeit mit Bossa Nova, kolonialer Pracht und Zukunftshoffnung auf der einen und der Realität auf der anderen Seite klaffen immer grössere Lücken. Paramilitärisch organisierte Polizeitruppen führen Krieg gegen bis an die Zähne bewaffnete Jugendliche. Gepanzerte Fahrzeuge und Hubschrauber versuchen immer wieder, bis in die verästelten Favelas vorzudringen. Ein Leben zählt nichts, auf keiner Seite. Die Zahl der gemeldeten Überfälle an den Prachtstränden von Copacabana, Ipanema und Leblon stieg im letzten Jahr um bis zu 51 Prozent. Pro Jahr sterben laut offiziellen Angaben über 6000 Menschen einen «unnatürlichen Tod».

Die Wirtschaftskraft von Rio lässt nach, gleichzeitig wächst das Gefälle zwischen Arm und Reich. Das städtische Bildungswesen gerät immer mehr ins Hintertreffen. Seit Jahren schon wandern Industrie und Dienstleistungsfirmen ab. Seit Jahren nimmt die Zahl der informellen Arbeitsverhältnisse zu – Schätzungen zufolge arbeiten zwischen vierzig und sechzig Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in diesem ungeschützten, vertraglich nicht geregelten und offiziell nicht vorhandenen Sektor. Für die Armen werden die Lebensbedingungen zunehmend prekärer. Umso wichtiger ist Fussball in den Armensiedlungen Brasiliens, der immer noch den gesellschaftlichen Aufstieg verspricht. Doch der Ausbruch aus der Favela gelingt nur selten. Moniques Weg, ein Studium zu absolvieren und ein Auslandssemester in Barcelona zu verbringen, ist eine Rarität.

Zwei Flaschen Bier im Monat

Die Coroa ist eine kleine Favela im Norden mit vielleicht 7000 Bewohner­Innen, so genau weiss das niemand. In den Unterlagen des zuständigen Minis­teriums der Prefeitura, der Stadtverwaltung von Rio, finden sich keine Informationen. Die Coroa hat keine Krankenstation, keinen Arzt, zwei Polizisten schauen schüchtern über den Platz – sie haben hier nichts zu melden. Von oben blickt man auf das Zentrum von Rio, nachts glitzert die Stadt verlockend und scheinbar friedlich die Berge hinauf.

Etwa fünfzehn Kids sind heute Abend gekommen, komplett gekleidet in grünrote Trikots und mit Schienbeinschonern in ausgewaschenen Stutzen. So gross der Rückhalt der Fussballschule in der Favela auch ist, die Unterstützung der Eltern ist dürftig. Selten einmal schaut ein Vater seinem Sohn beim Training zu, an der Organisation beteiligt sich so gut wie niemand. Nur auf Nicinho, den Imbissmann in seinem Kiosk, ist Verlass. Er versorgt die Mannschaften bei einem Turnier manchmal mit Hot Dogs. Dabei hat er selber keine Kinder.

Fünf Real, rund sechzig Rappen, kos­tet das Mitmachen im Monat. Davon werden Bälle gekauft, Trainingsutensilien, Ausrüstung. Von den fast sechzig Kids, die das Trikot der Zebrafreunde tragen, zahlen jedoch nur wenige den Beitrag. «Im letzten Monat wars nur einer», ruft Bugalú in die Runde. Fünf Real sind zwei Flaschen Bier.

Platzverweis für Fluchen

Taioba grinst. Ausserhalb der Trainingsstunde sei er im Moment selten so fröhlich, erzählt Bugalú. Seine Mutter ist vor ein paar Wochen gestorben. Zum Spiel hat er sich unförmige Knieschoner angelegt und beschäftigt sich während des Spiels vor allem damit, die Dinger die dürren Beine hochzuschieben. Etliche Schuhe seiner Kollegen haben ursprünglich grössere Besitzer gehabt, manchen reichen die Stutzen weit über die Knie.

Aber sie spielen.

Für ein paar Stunden ist der abgeschabte Betonplatz ihre Welt aus schnellen Täuschungen, ungenauen Pässen, kindlichem Jubel, flüchtigem Heldentum. Taioba wirft seine zu rasch gewachsenen Beine nach vorn; der etwas übergewichtige Abner schiebt seinen Bauch die Aussenlinie entlang und kämpft kurz mit den Tränen. Wieder hat er, nicht geschaut, der Pass ging ins Leere. Bugalú redet leise von der Unschuld, die sich hier austoben kann; Marcus bittet darum, die Bälle nicht ständig gegen die Wände zu schiessen – sie sind kostbar, und die meis­ten haben ihr Haltbarkeitsdatum bereits überschritten. Ronny droht jedem Fluchenden mit dem vorzeitigen Nachhauseweg – vermutlich das Schlimmste, was einem jetzt passieren kann.

Unter den Kindern sind einige Talente. Jackson ist sechs Jahre alt und deutlich kleiner als die anderen. Beim 4:4 führt er den Ball viel sicherer als die meisten der Älteren. Die Grossen, die sich weniger in ihren wachsenden Körpern zurechtfinden, trickst er mit wuseligen Windungen aus. Seinen Vater kennt er nicht, fünf Geschwister hat er noch, und zu Hause reicht das Essen nie.

Daniel spielt meistens in der Gegenmannschaft. Mit hochgezogenen Schultern, ernster Miene und schnellen Pässen versucht der Siebenjährige das Spiel zu öffnen. Den Übersteiger mit Körperdrehung hat er von Zinedine Zidane abgeschaut. Daniel und Jackson wissen, dass sie ihren Altersgenossen etwas voraus haben, sich auch vor den Älteren nicht verstecken müssen. Allerdings wachsen sie langsamer als die Kollegen, sind ihnen körperlich unterlegen. Mangelernährung. «Aus denen könnte etwas werden», sagt Bugalú und lässt seinen Blick nicht vom beharrlichen Dribbling, das Jackson vorantreibt. «Wenn sie nur einen anderen Hintergrund hätten.»

Aufstieg per Seilbahn

«Die Carioca leben in einer Art Schizophrenie», sagt der Soziologe Paolo Magalhaes. Mit Carioca sind die Bewohner­Innen von Rio de Janeiro gemeint. Sie sind geradezu versessen auf die Kultur aus den Elendssiedlungen. «Samba, Karneval, Mode und Fussball haben sich in der Favela entwickelt. Gleichzeitig verabscheuen die Carioca die Favela wie die Pest. Sie würden sie lieber heute als morgen loswerden.» Längst scheint Rio mehrheitlich aus Favelas zu bestehen. Auf rund 700 solcher Comunidades Carentes kommt die Stadt, schätzen nichtstaatliche Organisationen. Paolo Magalhaes arbeitet für die Caixa, die Bank der öffentlichen Hand, an Urbanisierungsprojekten.

Seit Anfang der neunziger Jahre plant man in Rio die Urbanisierung der Elendsquartiere. «Favela upgrading» nennen die Vereinten Nationen diese Strategie in ihrem letzten Bericht «Zur Lage der Städte der Welt». Sie löste die Idee vom Plattwalzen der Elendssiedlungen ab – und wird lange brauchen, bis sie im kollektiven Bewusstsein der Carioca angekommen ist.

«Heute sind wir immerhin einen Schritt weiter», sagt Magalheiro, «wir entwickeln auch Strategien zur wirschaftlichen und sozialen Einbeziehung der Bewohner.» Nach Jahren, in denen man glaubte, die Favelas mit etwas Strom, Wasser und geteerten Strassen zum Teil der Stadt machen zu können, sollen jetzt auch die Menschen einbezogen und ausgebildet werden. Die Regierung von Luiz «Lula» Ignacio da Silva entwarf ein 550-Millionen-Franken-Programm. Doch die Übergabe des Bundesministeriums für Stadtentwicklung an die konservativen Koalitionspartner stoppte die Pläne. Seither, sagt Magalhaes, «ist nicht mehr viel geschehen».

Gegenwärtig setzt die Regierung auf Mobilität und Zugang. Eine grosse Seilbahn soll Siedlungen im Norden verbinden. Die steile Felsnase zwischen den Touristenstränden von Copacabana und Ipanema, auf der Tausende in der Favela Cantagalo wohnen, bekommt einen gigantischen Aufzug aus Glas und Stahl. «Die Idee ist grundsätzlich nicht falsch», meint Magalheiro und vergisst nicht zu erwähnen, dass die Planungen auch deshalb so rasch voranschreiten, weil sich private Firmen viel von den Ausschreibungen erhoffen. Andererseits, sagt er, wären gute Schulen und ein funktionierendes Gesundheitssystem vielleicht wichtiger.

Auch Bugalú und Ronny stehen den neuen Ideen skeptisch gegenüber. Sie haben schon zu viele Programme und PolitikerInnen kommen und gehen sehen. Am Ende laufe es doch immer auf dasselbe hinaus, sagen sie und machen stumm eine greifende Handbewegung: Unsichtbares verschwindet ganz schnell in ihren Hosentaschen.

Vier Seitenwechsel

Oben in der Coroa kommen nun die Älteren aufs Feld. Jackson, Daniel und auch Taioba bleiben. Sie strecken sich die Hände zum High-Five entgegen. Marcus und Bugalú zählen zusammen, dass in den vergangenen sechs Jahren vier Kinder die Seite gewechselt haben und jetzt zu den Bandidos gehören. Nun laufen sie mit gesenktem Haupt an den Trainern vorbei.

«Sie schämen sich», sagt Bugalú traurig. Das Einstiegsalter ist in den letzten Jahren rapide gesunken. Mit zwölf Jahren werden sie heute als Kuriere oder Aufpasser rekrutiert. In der Coroa behalten sie zumindest den Respekt vor den Zebrafreunden: Das kleine Spielfeld ist ein geschützter Raum – manchmal schauen durch den Zaun welche zu, die ein Gewehr in der Hand tragen.

Das Training ist vorbei. Taioba, Jackson, Abner und die anderen verabschieden sich per Handschlag, witzeln unbarmherzig über den Akzent des Reporters und tollen über den Platz vor Nicinhos Kiosk. Die Polizisten sind längst gegangen, es ist spät geworden. Ein paar Kartenspieler sitzen noch unter der Plane, bei Nicinho wird das Bier knapp. An der Hauswand lehnt ein Jagdgewehr, der Besitzer raucht stumm eine Zigarette. Der Weg hinab ist fast unbeleuchtet. Unten, am Eingang der Coroa, steht einer im Halbdunkel und verfolgt alle Bewegungen durch das Zielfernrohr seines Schnellfeuergewehrs.

Freundlich grüssen, vorbeigehen, nicht umschauen.

Die Wachstumsfaktoren

In Rio de Janeiro gibt es laut Schätzungen nichtstaatlicher Organisationen (NGO) zwischen 650 und 700 Favelas. Der Begriff entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als für den Opern-Boulevard nach Pariser Vorbild eine Armensiedlung plattgemacht wurde. Die BewohnerInnen flüchteten sich in die Hügel, die mit dem Favela-Busch bewachsen waren.

In den sechziger und siebziger Jahren zogen Tausende aus dem Norden und Nordosten des Landes nach Rio – Brasilien wandelte sich vom Agrarland zu einem urbanisierten Staat (Anteil der Stadtbevölkerung im Jahre 1970: 45 Prozent; im Jahre 2000: über 81 Prozent). Mittlerweile leben in den Favelas von Rio nach offiziellen Angaben rund 1,1 Millionen Menschen. ExpertInnen zweifeln jedoch an dieser Zahl; der Zensus sei schlampig erhoben, ein Grossteil der ärmsten Bevölkerung nicht erfasst. Und die Favelas wachsen weiter. Allerdings spielt Landflucht längst nur eine untergeordnete Rolle: Zunehmend siedelt sich auch die ­untere Mittelklasse dort an, getrieben von Teuerungsraten, Billiglöhnen und Arbeitslosigkeit. Ausserdem ist die ­Geburtenrate astronomisch hoch – ­einerseits, weil Religiosität und männliche Sexualpraktik Kondome nicht ­zulassen, andererseits, weil die oft zwölf- und dreizehnjährigen Mädchen als schwangere Frauen Respekt und Schutz ­erfahren.

Kulturelle Praktiken wie der Baile Funk, lärmende Tanzveranstaltungen mit sexuell aufgeladenem Charakter, sorgen beständig für Nachwuchs; Tanz und Geschlechtsverkehr gehen da oft ineinander über. Und so sind die Väter meist unbekannt. Immerhin bietet Schwangerschaft für viele Frauen die vage Hoffnung auf soziale Absicherung durch die Bandidos, die ein einigermassen stabiles Einkommen haben.

Die kleinsten Favelas in Rio bestehen aus ein paar Hütten, über Nacht aus ­Abfall und Ausschuss zusammengebas­telt. In der grössten, dem mittlerweile zusammengewachsenen Komplex der Maré im Nordosten der Stadt, leben etwa 200 000 Menschen. Sie zählt zu den grössten Armutssiedlungen Latein­amerikas.

Die Mehrheit der Favela-Bewohner­Innen arbeitet im informellen Sektor oder lebt von den dürftigen Sozialleistungen des Staates. Frauen verdienen als Putzhilfe, Coiffeuse oder mit Maniküre ein paar Real dazu; Männer bauen, bas­teln, reparieren, verkaufen. Die grösseren Favelas beherbergen oft eine Vielzahl von Produktionsstätten – von Garagen über kleine Schuhfabriken bis hin zu Schreinereien findet sich hier alles. Doch das grosse Geld machen die Banden, die Drogen und Waffen schmuggeln und weiterverkaufen.

Favela-Turniere

Der brasilianische Fussballverband CBF trägt in Rio de Janeiro seit ­dreizehn Jahren einen Pokal für Jugendliche aus den Communidades Carentes aus. Dazu werden die bekanntesten Mannschaften aus den Favelas ­eingeladen.

Die Zebrafreunde aus der Coroa verfahren wie die meisten Klubs, die ohne die Aufmerksamkeit des Verbandes leben müssen – sie laden die Mannschafen benachbarter ­Siedlungen ein. Ungefähr zweimal im Jahr werden in der Coroa kleine Turniere ausgetragen. Das letzte ­Turnier ­bestritten sechs Mannschaften ­unterschiedlicher Altersklassen. Acht Väter und Mütter schauten zu.

Dies ist der zehnte Teil unserer Serie über die Banlieues, die Slums, die Villas Miseria und die Shantytowns der Welt. Bisher erschienen Reportagen aus Marseille (WOZ Nr. 16/07), Bombay (18/07), Buenos Aires (24/07), Istanbul (26/07), Nairobi (36/07), Berlin (40/07), Peking (43/07), Sevilla (46/07), Manila (49/07). Die nächste Folge über die Slums von Lagos erscheint in der WOZ Nr. 9/08.

(WOZ vom 14.02.2008)

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Polizeiterror in Villier-le-Bel http://banlieue.blogsport.de/2008/02/18/polizeiterror-in-villier-le-bel/ http://banlieue.blogsport.de/2008/02/18/polizeiterror-in-villier-le-bel/#comments Mon, 18 Feb 2008 21:16:05 +0000 banlieue Frankreich http://banlieue.blogsport.de/2008/02/18/polizeiterror-in-villier-le-bel/ villier-le-bel

Tragische Szenen heute Morgen im Pariser Vorort Villier-le-Bel. Über 1000 Polizisten fallen um sechs Uhr in die Stadt ein. Unterstützt durch Hubschrauber und schwer bewaffnet treten die vermummten Beamten Türen ein und stürmen Wohnungen. 35 Verdächtige werden à la Guantanamo mit Sack über dem Kopf und noch im Pyjama mediengerecht abgeführt. Gesucht werden angeblich die Rädelsführer der sozialen Revolte vor drei Monaten. Lächerlich. Kurze Zeit vor den Kommunalwahlen versucht Sarko so seine versprochene Kompromisslosigkeit zu demonstrieren, gekoppelt an die „integrierenden“ Massnahmen des „Plan banlieue“. Es bleibt zu hoffen, dass die MigrantInnen der Vorstädte nach diesem Angriff die Kraft haben, auf ihre Weise zu antworten. Die nächsten Nächte werden dies zeigen…

En bas les racistes!

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Brennende Vorstädte in Dänemark http://banlieue.blogsport.de/2008/02/14/brennende-vorstaedte-in-daenemark/ http://banlieue.blogsport.de/2008/02/14/brennende-vorstaedte-in-daenemark/#comments Thu, 14 Feb 2008 20:19:31 +0000 banlieue International http://banlieue.blogsport.de/2008/02/14/brennende-vorstaedte-in-daenemark/ dänemark autobrand

Seit nun bereits vier Nächten kommt es in Dänemark zu Ausschreitungen zwischen jugendlichen MigrantInnen und der Polizei, die von den Medien grössteteils totgeschwiegen werden. Letzte Nacht erreichten die Unruhen einen neuen Höhepunkt und breiteten sich auf mehrere Vorstädte aus.

Ähnlich den Banlieue-Krawalle in Frankreich ziehen mobile Guerilliagruppen durch die Strassen und zünden Autos an. Die Anrückende Feuerwehr wird attackiert. Bürgerliche Medien berichten, dass die erneuten Mohammed-Karrikaturen in dänischen Zeitungen der Auslöser seien. Allerdings begannen die Krawalle bereits vor der Publikation der Karrikaturen. Die Jugendlichen nennen die diskriminierende Polizeirepression als Grund.

Pressebericht:
Vierte Nacht mit brennenden Autos und Müllcontainern
Behörden untersuchen genau Gründe für die krawallartigen Aktionen – Unruhen breiteten sich von Kopenhagen auf andere Städte aus
Stockholm – Bereits zum vierten Mal in Folge sind vergangene Nacht in Kopenhagen Autos und Müllcontainer angezündet worden. Die von Jugendlichen begangenen Vandalenakte breiteten sich in der Nacht auf Donnerstag vom Stadtteil Nörrebro auch auf andere Bezirke Kopenhagens sowie weitere Städte aus. In Aarhus und in Kalundborg wurden am Mittwochabend ein Autobus sowie Einsatzfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr mit Steinen beworfen.

17 Festnahmen

Die Polizei nahm allein in Kopenhagen vergangene Nacht 17 Personen fest. Für fünf von ihnen wurde ein Haftantrag gestellt. Der Sprecher der Kopenhagener Polizei, Flemming Munch, sagte der APA, die Festgenommenen seien Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahre. Die genauen Gründe der krawallartigen Aktionen würden derzeit untersucht, es dürfte aber einen „ethnischen Hintergrund“ geben.

Die Einsatzleitung hatte davor erklärt, die Brand-Aktionen seien von kleinen Gruppen ausgeführt worden, die schnell zuschlügen und oft schon verschwunden seien, bevor die Polizei an Ort und Stelle sein könne. Insgesamt zählte die Polizei vergangene Nacht in Kopenhagen 14 angezündete Autos, 20 angezündete Müllcontainer sowie rund ein Dutzend weiterer Sachbeschädigungen wie eingeschlagene Scheiben. (APA)

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Banlieues in der Schweiz ? http://banlieue.blogsport.de/2008/02/10/banlieues-in-der-schweiz/ http://banlieue.blogsport.de/2008/02/10/banlieues-in-der-schweiz/#comments Sun, 10 Feb 2008 10:11:39 +0000 banlieue Schweiz http://banlieue.blogsport.de/2008/02/10/banlieues-in-der-schweiz/ Bundesstudie soll Problem-Ortschaften identifizieren

schwammendingen
Zürich Schwamendingen – Bild by: Banlieue

In immer mehr mittleren und kleineren Gemeinden der Schweiz entstehen laut einem Zeitungsbericht soziale Brennpunkte, in denen Gewalt, Schulprobleme und hohe Soziallasten vorherrschen.

Dies berichtet die «SonntagsZeitung». Laut dem Blatt kommt eine bislang unveröffentlichte Studie des Bundes zu diesem Schluss. Im Auftrag der Bundesämter für Migration (BFM) und Wohnungswesen (BWO) berechnete der Zürcher Soziologe Michal Arend erstmals für alle Gemeinden mit mehr als 5000 Einwohnern und für Quartiere grösserer Städte den so genannten Integrationsindex.
Zermatt als sozialer Brennpunkt

Anhand von Indikatoren wie dem Anteil der Einwanderer, der Zahl renovations¬bedürftiger Altbauten oder überbelegter Wohnungen versuchte der Forscher, die kritischen Zonen der Schweiz zu ermitteln. Auf diese Weise erreichte der Lausanner Vorort Renens den schlechtesten Wert, dicht gefolgt vom Ausländerquartier zwischen der Basel- und Bernstrasse in Luzern.

Allerdings: Auf diese Weise kam sogar der Nobelskiort Zermatt steht auf die Liste – wegen des hohen Fremdarbeiter-Anteils. Ob im Rahmen der Untersuchung auch die Einwohner der ermittelten Ortschaften befragt wurden, geht aus dem Zeitungsbericht nicht hervor.

STUDIE: http://www.bielertagblatt.ch/modules/news/news/images/pdf.asp?id=186

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Müllkrise in Süditalien weiterhin akut http://banlieue.blogsport.de/2008/02/03/muellkrise-in-sueditalien-weiterhin-akut/ http://banlieue.blogsport.de/2008/02/03/muellkrise-in-sueditalien-weiterhin-akut/#comments Sun, 03 Feb 2008 15:36:18 +0000 banlieue International http://banlieue.blogsport.de/2008/02/03/muellkrise-in-sueditalien-weiterhin-akut/ müll

Nachdem der Müll aus den Innenstädten der süditalienischen Metropolen, allen voran Neapel, grössteteils beseitigt wurde und die Medien das Interesse an der Thematik verloren haben, könnte man meinen, das Problem sei soweit gelöst. In den Armenviertel der Vorstädte türmen sich die Müllberge allerdings nach wie vor meterhoch. Eine baldige Beseitigung des Unrates ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Der Müll der Innenstädte wird vermehrt in die Vororte abtransportiert, wo keine Touristen betroffen sind und das Ansehen des Landes nicht weiterhin tangiert wird. Zudem wollen die örtlichen Behörden und die italienische Regierung bereits vor Jahren geschlossene Verbrennungsanlagen in den Vorstädten wieder eröffnen und gar neue Mülldeponien errichten, wogegen sich erbitterter Widerstand formiert.

Einige Eindrücke aus Pianura:

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Ein Stück Bannmeilen-Geschichte http://banlieue.blogsport.de/2008/01/26/ein-stueck-bannmeilen-geschichte/ http://banlieue.blogsport.de/2008/01/26/ein-stueck-bannmeilen-geschichte/#comments Sat, 26 Jan 2008 15:41:56 +0000 banlieue International http://banlieue.blogsport.de/2008/01/26/ein-stueck-bannmeilen-geschichte/ Die Unruhen von L.A. Watts

Die Unruhen in Los Angeles 1992 begannen am 29. April 1992, als vier nicht-schwarze Polizisten, die in Los Angeles (USA) der Misshandlung des Afroamerikaners Rodney King beschuldigt worden waren, von einem Gericht freigesprochen wurden.

Bilanz:

-Über 1 Milliarde Dollar Sachschäden
-53 bekannte Todesfälle
-20 000 Polizeikräfte, unterstützt durch Nationalgarde, US Marines
und US Army im Einsatz
-Mehr als 7000 Verhaftungen

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Neuer Plan der frz. Regierung. Das wird ja wohl was… http://banlieue.blogsport.de/2008/01/22/neuer-plan-der-frz-regierung-das-wird-ja-wohl-was/ http://banlieue.blogsport.de/2008/01/22/neuer-plan-der-frz-regierung-das-wird-ja-wohl-was/#comments Tue, 22 Jan 2008 22:10:31 +0000 banlieue Frankreich http://banlieue.blogsport.de/2008/01/22/neuer-plan-der-frz-regierung-das-wird-ja-wohl-was/ 45’000 Jobs in Vorstädten schaffen

Die französische Regierung legt einen Plan für die Problemviertel vor. Zur Senkung der Arbeitslosigkeit sollen 20′000 neue Unternehmen in den Banlieus angesiedelt werden.

Mit der Schaffung von 45.000 Arbeitsplätzen will die französische Regierung die Krise in den Vorstädten beilegen. Nach monatelangen Vorbereitungen präsentierte Staatssekretärin Fadela Amara heute im berüchtigten Vorort Vaulx-en-Velin in Lyon die Grundlinien für einen «Plan Banlieues». Wichtigstes Ziel ist die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in den kommenden drei Jahren. Sie liegt in vielen Trabantenstädten bei rund 40 Prozent.

Ihr Plan, dessen Einzelheiten Staatspräsident Nicolas Sarkozy Anfang Februar vorstellen wird, hat drei Schwerpunkte: Neben Beschäftigungs- und Bildungsprogrammen sollen die Diskriminierung bekämpft und die Vorstädte besser an das Verkehrsnetz angeschlossen werden. In den Wohngebieten aus den 60er und 70er Jahren, in denen es immer wieder zu Krawallen kommt, leben viele Einwandererfamilien aus afrikanischen und arabischen Staaten. Von den S-Bahn- und Metrolinien der Grossstädte sind sie meist abgeschnitten.
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Zur Schaffung der Arbeitsplätze will Staatssekretärin Amara in den kommenden fünf Jahren 20.000 neue Unternehmen ansiedeln. Die Finanzierung ihres Konzeptes ist indes noch nicht geklärt. Sie habe aber Vertrauen in die Entschlossenheit Sarkozys, den Wandel in den Vorstädten herbeizuführen, sagte Amara: «Wir treffen hier auf ein Frankreich, das sehr arm ist und den Staat an seiner Seite braucht.»
Bisher alle gescheitert

Eine Entschärfung der Krise ist eine der Mammutaufgaben des Präsidenten. Etliche Vorgängerregierungen waren mit dem Vorhaben gescheitert. Die Spannungen eskalierten zuletzt Ende November, als Jugendliche in drei Krawallnächten in Villiers-le-Bel nördlich von Paris mit Schrotflinten auf Polizisten schossen.

Bei vielen Jugendlichen in den Vorstädten ist Sarkozy verhasst, weil er als Innenminister Jugendbanden als «Gesindel» bezeichnete, dessen man sich mit dem Kärcher (Hochdruckreiniger) entledigen müsse. Doch der Staatschef will das Feld seiner Staatssekretärin nicht überlassen: Am 8. Februar wird er selbst die Einzelheiten des «Plan Banlieues» vorstellen.

Schon am Montagabend stahl er Amara die Schau, als er unangekündigt die Trabantenstadt Sartrouville vor Paris besuchte und den Jugendlichen dort bessere Berufschancen in Aussicht stellte – «wenn sie bereit sind, früh aufzustehen», wie er hinzufügte. Im Wahlkampf und seit seiner Amtseinführung im Mai hatte Sarkozy die Problemviertel gemieden.

(cbn/ap)

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28 millimeters Project by Kourtrajmé http://banlieue.blogsport.de/2008/01/13/28-millimeters-project-by-kourtrajma/ http://banlieue.blogsport.de/2008/01/13/28-millimeters-project-by-kourtrajma/#comments Sun, 13 Jan 2008 01:50:53 +0000 banlieue Frankreich http://banlieue.blogsport.de/2008/01/13/28-millimeters-project-by-kourtrajma/

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Material zu den frz. Vorstädten http://banlieue.blogsport.de/2008/01/11/material-zu-den-frz-vorstaedten/ http://banlieue.blogsport.de/2008/01/11/material-zu-den-frz-vorstaedten/#comments Fri, 11 Jan 2008 13:01:18 +0000 banlieue Frankreich http://banlieue.blogsport.de/2008/01/11/material-zu-den-frz-vorstaedten/ Eine kleine Zusammenstellung von Filmen, Musik, Videos, Literatur und Berichten zu den französischen Citées..

Solidarität mit den diskriminierten BewohnerInnen der Vorstädte Frankreichs!

„Opérations coup de poing
Section nique tout
Lève ton poing pour la révolution et nique tout“ (Fonky Family, Sans Rémission)

„Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen!“ (Pierre Bourdieu)

MATERIAL:

TEXTE UND INFOS ZU DEN UNRUHEN VON 2005

http://de.wikipedia.org/wiki/Unruhen_in_Frankreich_2005
(ÜBERBLICK)

http://www.france-mail-forum.de/dos/dos5/dos5index.htm
(BERICHT AUS CLICHY-SOUS-BOIS)

http://www.france-mail-forum.de/dos/dos5/dos5index.htm
(HINTERGRUNDBERICHT ÜBER DIE PARISER VORSTÄDTE WÄHREND DER UNRUHEN)

FILME:

La Haine (Hass)

Tee im Harem des Archimedes

De bruit et de fureur (Lärm und Wut)

ma 6te va cracker

Wut in den Städten

Möge Allah dir verzeihen

365 jours à Clichy Montfermeil

LITERATUR:

http://www.trend.infopartisan.net/trd1204/t031204.html
(Zur Entstehung der frz. Banlieues)

Bourdieu, Pierre et. al.: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz 1997.

Viviane Forrester: Der Terror der Ökonomie, Wien 1997.

Dietmar Hüser: Vive la RAPublique – Botschaften und Bilder einer „anderen Banlieue“. In: Historische Anthropologie. Kultur, Gesellschaft, Alltag. 1999/2, S. 271-295.

http://www.monde-diplomatique.fr/index/sujet/banlieues
(DOSSIER ZU DEN FRANZÖSISCHEN BANLIEUES)

Dietmar Hüser: RAPublikanische Synthese. Eine französische Zeitgeschichte populärer Musik und politischer Kultur, Köln (Böhlau) 2004.

http://www.histinst.rwth-aachen.de/default.asp?documentId=72
(HIP-HOP UND RAP IN FRANKREICH)

VIDEOS:

http://youtube.com/watch?v=0rWJo0U_Qes (sehr sehenswert!)

http://www.youtube.com/watch?v=FZD_zH6570E

http://www.youtube.com/watch?v=ESTZXs_pxEg&eurl=http://93seine-saint-denis.skyrock.com/2.html

http://www.dailymotion.com/visited/search/seine%2Bsaint%2Bdenis/video/xo2fn_hommage-a-bouna-et-zied
(Hommage an die verstorbenen Zied et Bouna)

http://www.dailymotion.com/visited/search/jeunes%20banlieues/video/x2w3e_fievre-des-banlieues

http://youtube.com/watch?v=3kG71IjhpwA

http://www.dailymotion.com/visited/search/emeutes%20banlieues/video/xj6em_emeutes-dans-les-banlieues-9394

http://www.youtube.com/watch?v=mk_IXh4FDZA

http://www.youtube.com/watch?v=FZD_zH6570E

MUSIK:

http://sniper-lesite.com/

http://banlieue-connexion.com/

www.fonkyfamily.com

www.supreme-ntm.com

http://www.iam.tm.fr/

http://epathupc.free.fr/113/

www.kourtrajme.com

Dj Mehdi

http://www.frenchrap.de/

http://www.keny-arkana.com/

PERSONEN:

www.kourtrajme.com

http://www.mathieukassovitz.com/

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http://banlieue.blogsport.de/2008/01/11/material-zu-den-frz-vorstaedten/feed/
Die Banlieue-Serie http://banlieue.blogsport.de/2008/01/09/die-banlieue-serie/ http://banlieue.blogsport.de/2008/01/09/die-banlieue-serie/#comments Wed, 09 Jan 2008 01:02:34 +0000 banlieue International http://banlieue.blogsport.de/2008/01/09/die-banlieue-serie/ Die Banlieue-Serie (Teil 9)

manila

Der neunte Teil der Serie über die Banlieues, die Slums, die Villas Miseria und die Shantytowns der Welt ist in der WOZ erschienen. Bisher erschienen Reportagen aus Marseille (als Kommentar angefügt), Bombay (WOZ Nr. 18/07), Buenos Aires (24/07), Istanbul (26/07), Nairobi (36/07), Berlin (40/07), Peking (43/07) und Sevilla (46/07).

Tondo

Ein paar Quadratkilometer Unheimlichkeit
(Von Rainer Werning, Manila)

Manilas ältester Stadtteil war schon immer ein Treibhaus. Hier entstanden Ideen, begannen Revolten und Karrieren, hier wehrten sich die Menschen aus Verzweiflung und mit grossem Mut. Auch die Pläne, den Hafen von Manila zu privatisieren, stossen auf Widerstand.

Mein alter Freund Resty geht auf die sechzig zu. Aber ein «proud ­­Tondoboy», ein stolzer Tondo-Junge, sei er immer noch, sagt er. Tondo, das Quartier, in dem er aufwuchs, ist zwar für die meisten Filipinos der Inbegriff von Dreck, Müll, Kriminalität. Aber immerhin, so erzählt Resty Concepcion (sein Name ist der Redaktion bekannt), seien in dieser Shanty­town von Manila landesweit bekannte Persönlichkeiten zur Welt gekommen. Leute wie Andres Bonifacio und Emilio Jacinto zum Beispiel, die Ende des vorletzten Jahrhunderts gegen die Spanier kämpften (und dabei ums Leben kamen). Herausragende Künstler und Schriftstellerinnen wie Bienvenido Santos oder der Poet Amado V. Hernandez, der sich während des Zweiten Weltkriegs der japanischen Besatzungsmacht widersetzt hatte. Auch die Könige des philippinischen Kinos haben hier gearbeitet – Exschauspieler und Expräsident Joseph Estrada zum Beispiel und sein mittlerweile verstorbener Kollege Fernando Poe. Als tropische Robin-Hood-Figuren hatten sie sich in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihren Weg durch Tondos Gassen und Gossen freigeschossen und das Gute über alles Erniedrigende siegen lassen. Auf Zelluloid zumindest.

Resty Concepcion ist seit Mitte der sechziger Jahre politisch aktiv. Zuerst trat er der Ende 1964 gegründeten Kabataang Makabayan bei, der Patriotischen Jugend, aus der Jahre später die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei wurde. Dann wechselte er in die grosse Politik, war viel unterwegs – und doch stets auch in «seinem» Tondo anzutreffen, wann immer es galt, sich gegen ­Gewalt, Vertreibung und Heimtücke einzusetzen. Und das war oft der Fall.

Nach Tondo kommen kaum Tourist­Innen. Bis Mitte der neunziger ­Jahre waren hier lediglich Reisegruppen westli­cher Hilfswerke anzutreffen, die den «Smokey Mountain», Südostasiens grösste Müllhalde, besuchten. «Exposures», Blossstellungen, nannte man die von philippinischen FreundInnen organisierten Tagestrips der anderen Art. Doch seit dieser Elendsflecken vor zwölf Jahren gewaltsam geräumt wurde, ist Tondo aus den Schlagzeilen der internationalen Medien verschwunden.

Normas Geschichte

Aber das Elend gibt es noch – und auch die Menschen, zu denen mich Concepcion begleitet. Norma Alvarez ist eine von ihnen. Die resolute Mittfünfzigerin hat eine wettergegerbte Haut, tiefe Furchen durchziehen ihr Gesicht. Wann immer sie lächelt, greift sie zu einem Taschentuch; sie ist sichtlich bemüht, ihrem Gegenüber einen Anblick zu ersparen, der ihr peinlich ist: Sie hat nur noch zwei Vorderzähne. Arztbesuche, sagt Norma, habe sie sich in ihrem ganzen Leben nicht leisten können.

Geboren wurde sie als eines von acht Kindern in den Aussenbezirken der Hafenstadt Catbalogan auf der Insel Samar, rund 650 Kilometer südöstlich von Mani­la gelegen. Diese Insel gehört bis heute zu einer der ärmsten Provinzen des Landes. Miserabler sind die Verhältnisse nur noch im äussersten Süden des Landes – in einigen Teilen von Mindanao und auf den abgelegenen Inseln Basilan und Jolo.

Zusammen mit ihrer Schwester ­Myrna kam Norma als Teenager nach ­Manila. Als «catulongs», als Haushaltshilfen, fan­­den die beiden eine Anstellung bei chinesischstämmigen Familien in Malate, einem in den sechziger Jahren feinen Viertel entlang Manilas Prachtmeile. Der Roxas-Boulevard galt seinerzeit – allein schon wegen der spektakulären Sonnenuntergänge – als eine der schönsten Strassen Südostasiens. Norma und Myrna lebten bei ihren Patrons, mussten sich um nichts sorgen und konnten sogar genügend Pesos an ihre Familie in Catbalogan überweisen – umgerechnet fünfzehn US-Dollar im Monat; das war damals viel Geld.

Doch dann verliebte sich Norma in Tonio, der im North Pier, dem Nordhafen von Manila, als Aufseher arbeitete und in Tondo wohnte. Der Familie, bei der sie arbeitete, passte die Beziehung nicht; sie setzte Norma über Nacht vor die Tür. Und so zog sie nach Tondo zu Tonio, der mit Hilfe von Freunden in der Nähe des belebten Divisoria-Markts ein kleines Haus gebaut hatte: zwei Stockwerke auf einem knapp dreissig Quadratmeter kleinen Stück Land. Die Grundmauern bestanden aus Stein, der Aufbau aus Holz und Wellblech.

Von der City of Man …

Norma und Tonio – sie war 18, er 22 Jahre alt – heirateten, glaubten an das grosse Glück und bekamen fünf Kinder, von denen allerdings zwei als Kleinkinder an Typhus starben. Das war in den siebziger Jahren, in den Zeiten des Kriegsrechts, das der frühere Präsident Ferdinand Marcos 1972 über das Land verhängt hatte. Dessen Ehefrau und First Lady Imelda avancierte danach zur Siedlungsministerin und Generalgouverneurin der Haupstadt. Ihre Vision: ­Manila sollte zur «City of Man», zur Stadt mit menschlichem Antlitz, aufsteigen.

Fast schon manisch betrieb Imelda Marcos ein Stadtverschönerungsprojekt nach dem anderen: Landaufschüttungen in der Bucht von Manila, den Bau von Fünfsternehotels, eines Kulturzentrums, eines Volkskunsttheaters, eines internationalen Kongresszentrums. Was ihrem Gusto nicht entsprach, liess die Präsidentengattin beseitigen. Nicht die Abschaffung der Armut, sondern der Armen war ihr Ziel. Fliegende Händler­Innen wurden gejagt, «squatters», angebliche oder tatsächliche GrundbesetzerInnen, vertrieben.

Imeldas Politik traf auch Norma und Tonio. «1976 wurden wir über Nacht obdachlos», schildert Norma Alvarez die damaligen Ereignisse: Bulldozer rückten an, ein Beamter verkündete per Megafon in zwei Sätzen, dass der Boden der Regierung gehöre und dass alle sofort verschwinden müssten. «Dann versprühten sie Tränengas und prügelten wild und wahllos auf alle ein, die ihre Häuser nicht sofort verliessen.» Eine Entschädigung für das Haus haben sie nie erhalten; Tonio starb wenige Monate später an Tuberkulose. Seit dieser Erfahrung engagiert sich Norma in Selbsthilfegruppen. «Da ist das Mindeste, was wir tun müssen», sagt sie. «Sonst verlieren wir mit unserer Würde auch das Leben. Die Alternativen dazu sind Feigheit, Kriminalität oder Drogensucht. Und all das führt schnell zum Tod.»

… zur City of Manholes

Mit ihren drei Kindern und ihrer Schwester Myrna kam Norma bei Freundinnen unter. Die fünf Personen teilten sich einen zwei mal vier Meter grossen Raum, in dem sie nachts Matten auslegten. In Tondo klettert im Mai und Juni das Thermometer auf 36, 37 Grad ­Celsius, die hohe Luftfeuchtigkeit erschwert das Atmen, Gestank und Hitze wetteifern um den Verstand der Menschen. Elektrizität und fliessendes Wasser gibt es nicht. Wasser holt man sich aus nahe gelegenen Pumpen. Oder man zapft – Not macht erfinderisch – das nächstbeste Wasserrohr an. Im Monsun verwandeln sich ganze Strassenzüge in Kloaken.

In jenen Tagen sammelte Norma mit ihren Kindern Müll auf dem nahe gelegenen Smokey Mountain – einem Areal, das die Stadtverwaltung 1954 zur Hauptabfallkippe von Manila erkoren hatte und das Jahr für Jahr immer mehr Menschen anzog. Sie sammelten Blech, Papier und Plastik, verkauften das verwertbare Material an Schrotthändler und verdienten so zwanzig Pesos am Tag (nach damaligem Umtauschkurs etwa drei Franken). Bis zu 30 000 Menschen lebten davon.

Einige bauten sich auf der Müllhalde sogar Verhaue, die auf Stelzen standen und mit Blumen und einem Jesusbild geschmückt waren. Auf diese Weise wuchs Tondo bis in die neunziger Jahre zu einem dichtbesiedelten Stadtteil her­an – mit rund 65 000 Einwohner­Innen pro Quadratkilometer und etwa 600 000 Menschen insgesamt. Der Smokey Mountain wuchs und wuchs, bis er eine Höhe von vierzig Meter erreicht hatte. Nach ein paar Jahren stellte Norma ­ihre Arbeit auf dem Hügel ein. Sie schaffte die ­Plackerei nicht mehr und erwarb Kenntnisse in der Hand- und Fusspflege, mit denen sich ebenfalls Geld verdienen liess. Ihre Kinder aber mussten jeden Tag hinaus auf die Halde.

Mittlerweile lebt Norma Alvarez im Bezirk Barangay 123 bei Pier 12 am Nordhafen in Tondo. Auch ihre dritte Vertreibung hat sie inzwischen gut verkraftet. Denn nach der Kündigung als Hausangestellte, der Zerstörung ihres Hauses und dem Tod ihres Mannes war das Leiden noch nicht zu Ende: 1995 wurde der Smokey Mountain von staatlichen Sicherheitskräften gewaltsam geräumt. Da spielten sich unglaubliche Szenen ab, erinnert sich Resty Concepcion, der damals eine Armeninitiative beriet: «Die Müllhaldensiedler wurden gejagt wie ­Ratten. Ich selber habe gesehen, wie selbst auf alte Leute mit Latten und Hämmern eingeschlagen wurde.» Und danach, ergänzt Norma, «wurde alles noch schlimmer: Viele lebten wochenlang ohne Obdach und nur von Reis, Salz, Maniok und Wasser.» Ihnen blieb ja auch nichts anderes übrig, ergänzt Vilma, Normas Nachbarin: «In dieser beschissenen City of Manholes, in dieser Stadt der Schlag­löcher, kümmert sich kein Schwein um die Armen.» Viele der Mountain-BewohnerInnen liessen sich schliesslich in den nördlichen Stadtteilen Navotas und Caloocan City nieder, andere verschlug es in eines der rund 500 anderen Slums im Grossraum Manila.

Grosse Protestmärsche und Demon­strationen habe es damals gegeben, er­­zählt Concepcion. Doch Fidel Ramos, ­­ der Exgeneral und damalige Staatschef, blieb unerbittlich. Ramos, der in Zeiten der Marcos-Diktatur Polizeichef und stellvertretender Generalstabschef gewesen war, verstand sich als Modernisierer. Er wollte die Philippinen auf die Höhe der südostasiatischen «Tigerstaaten» hieven, ausländische InvestorInnen gewinnen und mit der Privatisierung der Strom- und Wasserversorgung die dazu nötigen Ausgangsbedingungen schaffen. Mit diesen Zielen war eine Müllhalde inmitten der Hauptstadt schlecht vereinbar – egal, wie viele Menschen von ihr lebten.

Hafenarbeit und Lampions

Den Vertriebenen stellte er die Segnungen der Privatisierung in Aussicht – ein Versprechen, das auch die derzeitige Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo in jeder zweiten Rede wiederholt. Aber was bringt das den bedrängten Menschen von Tondo? Norma, Resty und Vilma erzählen Geschichten. Geschichten wie die über den Unternehmer Reghis Romero II, der mit der staatlichen Wohnungsbehörde NHA ab 1993 mehrere Verträge abschloss, um den Smokey Mountain zu sanieren, und versprach, erschwingliche Häuser für die Armen zu errichten und das Gebiet zu «entwickeln».

Aber erst 2004 konnten einige ­wenige Familien in rosa und cremefarben gestrichene Häuser einziehen, die von billigster Qualität sind und zudem auf giftigem Grund stehen. Reghis Romeros Firma R2 Builders hatte die Häuser auf nur planiertem, jedoch immer noch verseuchtem Grund gebaut. Und so werden die BewohnerInnen von beissenden Giftgasen gequält, die sie krank machen.

In anderen Bezirken von Tondo sind die Verhältnisse nicht besser. Im Viertel Barangay 105 leben beispielsweise 3500 Menschen in meist provisorischen Unterkünften. Sie strampeln sich – wie die meisten Tondo-BewohnerInnen – tagtäglich ab. Sie betteln im Hafen um Tagelöhnerjobs, jobben als Dreiradtaxifahrer, schuften in ungesicherten Arbeitsverhältnissen, fertigen Besen, weben Putztücher, stellen in der Vorweihnachtszeit Lampions und Sterngirlanden her. Und die Frauen gehen auf den Strich. Oder arbeiten in den Sweatshops, den kleinen Fabriken, die von jeher in Tondo präsent sind.

Ein neuer Markt für die Armen

Eine 2004 vom privat betriebenen Gesundheits- und Sozialzentrum Canossa in Auftrag gegebene Untersuchung ergab, dass in einem nahe gelegenen Bezirk 68 Prozent der Haushalte ihren Unterhalt mit Knoblauchschälen verdienen. Und dass 99 Prozent der Befragten am Tag weniger verdienen als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 350 Pesos (umgerechnet etwa neun Franken). Laut dieser Studie leiden auch 55 Prozent an Infektionen der Atemwege, 15 Prozent an Durchfall, 8 Prozent an Hauterkrankungen und 22 Prozent häufig an Fieber. Weil sie in der Regel mit weniger als zwei Franken am Tag auskommen müssen.

Vor allem die Tuberkulose ist hier weit verbreitet. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2003 stehen die Philippinen ganz oben: In keinem anderen Staat im Westpazifik gibt es so viele Tuberkulosekranke. Täglich sterben 75 Filipinos an Tuberkulose – einer Krankheit, die seit langem heilbar ist – , jedes Jahr infizieren sich 100 000 Menschen.

Dennoch wird im Gesundheitswesen gespart, wie Emma Manuel, radio­logische Assistentin des Tondo Medical Center, erläutert. Und das obwohl die Regierung im Finanzjahr 2006 gerade mal 10,4 Milliarden Peso (270 Millionen Franken) für das Gesundheitswesen ausgab – umgerechnet 3 Franken und 25 Rappen pro EinwohnerIn. Ihre Klinik habe 2006 3,2 Millionen Franken erhalten – davon blieben nach Abzug der Personalkosten lediglich 620 000 Franken für Behandlungen, Operationen und den Erhalt der Gebäude übrig. «Noch in den späten siebziger Jahren bat man nach einer Röntgenaufnahme allenfalls um eine Fünfpesospende», sagt Emma Manuel, die auch dem Vorstand der unabhängigen Alliance of Health Workers angehört. «Heute aber kostet eine solche Aufnahme mindestens 120 Pesos für Erwachsene und das Doppelte für Kinder – unerschwinglich für die Familien, mit denen wir es Tag für Tag zu tun haben.»

Anfang Februar veröffentlichte «The Manila Times» einen Bericht, wonach letztes Jahr allein in der Hauptstadt rund 3000 Menschen eine neue Einnahmequelle entdeckt hätten. Sie verkaufen eine ihrer Nieren zum Preis von 70 000 bis 120 000 Pesos (etwa 1800 bis 3100 Franken). Da allein in Japan über 10 000 Menschen auf eine Nierentransplantation warten, habe sich, so die Zeitung, hier ein «neuer Markt für die Armen» aufgetan.

Im Rausch erschossen

Es sei kein Wunder, sagt Jim Libiran, «dass den Jugendlichen fast alle Wege verbaut sind, dass kaum einer dem Teufelskreis aus Armut und Gewalt entrinnt». Libiran, einer der profiliertesten Filmemacher des Landes, hat vor kurzem unter abenteuerlichen Umständen den Film «Tribu» fertiggestellt. Der Streifen – er wird an der Berlinale 2008 zu sehen sein – schildert das Leben der Jugendgangs in Tondo. Hier gibt es über hundert solcher Gangs, die sich «tribes» nennen und denen selbst Zehnjährige angehören – Kids, die häufig sterben, bevor sie jemals gelebt haben.

Die Gang bietet ihnen Geborgenheit, verlangt dafür aber auch vollen Einsatz, wenn es um Raub, um Schutzgelderpressung oder (je nach Geldgeber) darum geht, Streiks zu stören und zu sabotieren. Drogenkonsum und Klebstoffschnüffelei sind Teil ihrer Existenz. Manchmal werden auch zehn Jahre alte Kinder erschossen – von rivalisierenden Banden oder den sogenannten Ordnungskräften, die vielfach von Geschäftsleuten angeheuert werden.

Neue Umsiedlungsprojekte

Es könnte noch schlimmer kommen. Derzeit planen Regierungsbehörden wie die Philippinische Hafenverwaltung PPA, die Wohnungsbehörde NHA und die Abteilung für Strassenbau und öffentliche Investitionen eine neue Vertreibung. Im Zuge der geplanten Privatisierung des Nordhafens soll Tondo modernisiert werden. Dieses Vorhaben, so schätzt die Vereinigung zur Solidarität mit den Armen Kadamay, trifft in den nächsten Jahren über 140 000 Familien (rund 850 000 Menschen) – nicht nur in Tondo, sondern auch in den etwas nördlicher gelegenen Distrikten Navotas und Caloocan City.

Der Plan wird bereits umgesetzt. Aus dem Bezirk Barangay 110, sagt Resty, seien vor kurzem annähernd 1500 Familien vertrieben worden: «Nur wer sehr lange dort lebte, bekam von der Stadtverwaltung eine Entschädigung – gerade mal 15 000 Pesos.» Umgerechnet knapp 400 Franken. «Die Mehrheit aber ging leer aus.» Die Massgaben des Manila North Harbor Modernization Projects MNHMP sind nicht nur in der Kompensationsfrage sehr vage. Es gibt auch keine klare Bestimmung, was mit den betroffenen Familien geschehen soll. Im Abschnitt 7.04 der Konzessionsvereinbarung für das MNHMP heisst es lediglich, dass der Eigentümer, also die demnächst private PPA, «in Absprache mit anderen Regierungsbehörden die Umsiedlung der Squatters auf eigene oder Regierungskos­ten übernimmt.» Bei so vielen Unwägbarkeiten und dem üblichen Kompetenzgerangel müsse man vom Schlimmsten ausgehen, um das Beste zu hoffen. Sagt Resty Concepcion und geht zum nächs­ten Termin. Er hat noch viel zu tun.

Rainer Werning berichtet seit zwanzig Jahren für die WOZ über Entwicklungen in Südost- und Ostasien. Er ist Mitherausgeber des «Handbuchs Philippinen» (Horlemann-Verlag, 2006). Auf Einladung des Goethe-Instituts Manila referierte er kürzlich an mehreren philippinischen Universitäten über «Europas Vermächtnisse in den Philippinen»

Vom Kronjuwel zur Megacity

«Von der Sonne liebkost, Perle fernöstlicher Meere, verloren gegangenes Eden» – so beschrieb der in den Philip­pinen als Nationalheld verehrte Arzt und Schriftsteller José P. Rizal sein Land, das nach dem spanischen König Philipp II. benannt worden war. Der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan hatte den Archipel 1521 für die spanischen Konquistadoren «entdeckt». Fünfzig Jahre nach der Eroberung erklärte die spanische Krone Manila zur Hauptstadt ihres philippinischen Reichs. Die «Peninsulares», aus Spanien stammende Beamte, Offiziere und Mönche, übernahmen die Kontrolle der «noblen und auf ewig loyalen Stadt» und gründeten den alten Stadtkern Intramuros, um den herum Manila all­mählich anwuchs. Heute leben in der philippinischen Hauptstadt rund fünfzehn Millionen Menschen.

Prägend war der Einfluss der Mön­chs­orden (Augustiner, Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten und Benediktiner) – allesamt Grossgrundbesitzer, die die anfangs mehrheitlich muslimische Bevölkerung schamlos ausnahmen: Sie liessen Kirchen, Villen, Stadtmauern errichten und die Strassen mit Kopfstein pflastern. Grundlage ihres Reichtums war nicht nur die Ausbeutung, sondern auch der Handel mit Mexiko. Spanische Galeonen verkehrten via Manila zwischen der Südküste Chinas und den mexikanischen Pazifikhäfen; sie beförderten China­waren wie Seide, Porzellan, Juwelen, Textilien und Gewürze nach Osten (von wo sie dann nach Europa gelangten) und Wein, Olivenöl, Getreide, Priester, Sol­daten und Beamte nach Manila und ­China. Die­se Handelstradition erklärt, wes­halb die Filipinos in der Schifffahrt eine so grosse Rolle spielen.

Auf dem Seeweg gelangten freilich auch die Ideen der Aufklärung, des Liberalismus und der Französischen Revolution ins Bewusstsein der Bevölkerung. 1898 riefen Filipinos die Republik aus – die erste in Asien. Statt der Freiheit folgte jedoch ein weitere Besetzung, diesmal durch die Soldaten der US-Pazifikflotte. Die Bevölkerung leistete erbitterten Widerstand; der Amerikanisch-Philippinische Krieg, der daraufhin einsetzte, führte zu den bis dahin grössten Kolonialmassakern in Südostasien. Die damals sechs Millionen Menschen zählende Bevölkerung wurde dezimiert. Bis 1946 dominierten die USA die Hafenstadt.

Manila aber blieb eine weltoffene Stadt. Nirgendwo in Asien – von Schanghai abgesehen – wurde eine so liberale Einwanderungspolitik betrieben. In den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts konnten viele verfolgte JüdInnen einreisen – beispielsweise der Wiener Komponist Herbert Zipper («Dachau-Lied»), dem die Flucht aus deutschen Konzentrationslagern gelungen war und der das Manila-Symphonieorchester aufbauen half.

Das änderte sich mit der Landung japanischer Truppen, die Manila im Januar 1942 einnahmen; der Krieg erreichte die Stadt aber erst 1945 (bei den Strassenkämpfen kamen auch über 100 000 ZivilistInnen um). Nach dem Sieg setzten die USA auf die projapanische Elite. Erster Präsident der im Juli 1946 unabhängig gewordenen Republik wurde der ehemalige Brigadegeneral Manuel Roxas, der ein hochrangiges Mitglied des projapanischen Marionettenregimes gewesen war.

Erst unter seinem Nachfolger Ferdinand Marcos gab es so etwas wie eine Stadtplanung. Manila bekam eine Entwicklungsbehörde (MMDA) und wurde in siebzehn Verwaltungseinheiten (Städte und Bezirke) aufgeteilt, die sich über eine Fläche von knapp 640 Quadratkilometern erstrecken. Rund achtzig Prozent der Bevölkerung gelten als arm; ein Drittel verfügt über keinen Wasseranschluss und ist auf die Versorgung durch mobile Händler angewiesen.

Der heutige MMDA-Vorsitzende Bayani Fernando hält eine Stadtplanung für reichlich überflüssig. Für ihn lassen sich die Probleme auch anders lösen – indem man zum Beispiel die Waren der illegalen Strassenhändler mit Kerosin besprüht. Eine staatliche Hilfe bei der Umsiedlung der SlumbewohnerInnen lehnt er rundweg ab. «Warum sollen wir die unterstützen?», fragte er kürzlich in einem Radiointerview: «Wir können solche Gesetzesbrecher doch nicht noch mit Eigenheimen belohnen.»

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Auf gehts! http://banlieue.blogsport.de/2008/01/09/auf-gehts/ http://banlieue.blogsport.de/2008/01/09/auf-gehts/#comments Tue, 08 Jan 2008 23:08:59 +0000 banlieue Allgemein http://banlieue.blogsport.de/2008/01/09/auf-gehts/ „Der reissende Strom wird gewalttätig genannt, aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig!“ (B. Brecht)

Dieser Blog soll Aktualitäten, Diskussionen, Bilder usw. rund ums Thema Banlieue zum Inhalt haben. Dabei sind nicht nur die Vorstädte Frankreichs gemeint…

Banlieue (wörtlich Bannmeile, von lateinisch bannum leucae). Historisch entstand die Bezeichnung für den Bereich von einer Meile um die Stadt, der noch der städtischen Gerichtsbarkeit unterstand. Im heutigen Wortgebrauch bezeichnet die Banlieue Randbereiche grösserer Städte, die meist soziale Brennpunkte darstellen.

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