Die Banlieue-Serie

Die Banlieue-Serie (Teil 9)

manila

Der neunte Teil der Serie über die Banlieues, die Slums, die Villas Miseria und die Shantytowns der Welt ist in der WOZ erschienen. Bisher erschienen Reportagen aus Marseille (als Kommentar angefügt), Bombay (WOZ Nr. 18/07), Buenos Aires (24/07), Istanbul (26/07), Nairobi (36/07), Berlin (40/07), Peking (43/07) und Sevilla (46/07).

Tondo

Ein paar Quadratkilometer Unheimlichkeit
(Von Rainer Werning, Manila)

Manilas ältester Stadtteil war schon immer ein Treibhaus. Hier entstanden Ideen, begannen Revolten und Karrieren, hier wehrten sich die Menschen aus Verzweiflung und mit grossem Mut. Auch die Pläne, den Hafen von Manila zu privatisieren, stossen auf Widerstand.

Mein alter Freund Resty geht auf die sechzig zu. Aber ein «proud ­­Tondoboy», ein stolzer Tondo-Junge, sei er immer noch, sagt er. Tondo, das Quartier, in dem er aufwuchs, ist zwar für die meisten Filipinos der Inbegriff von Dreck, Müll, Kriminalität. Aber immerhin, so erzählt Resty Concepcion (sein Name ist der Redaktion bekannt), seien in dieser Shanty­town von Manila landesweit bekannte Persönlichkeiten zur Welt gekommen. Leute wie Andres Bonifacio und Emilio Jacinto zum Beispiel, die Ende des vorletzten Jahrhunderts gegen die Spanier kämpften (und dabei ums Leben kamen). Herausragende Künstler und Schriftstellerinnen wie Bienvenido Santos oder der Poet Amado V. Hernandez, der sich während des Zweiten Weltkriegs der japanischen Besatzungsmacht widersetzt hatte. Auch die Könige des philippinischen Kinos haben hier gearbeitet – Exschauspieler und Expräsident Joseph Estrada zum Beispiel und sein mittlerweile verstorbener Kollege Fernando Poe. Als tropische Robin-Hood-Figuren hatten sie sich in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihren Weg durch Tondos Gassen und Gossen freigeschossen und das Gute über alles Erniedrigende siegen lassen. Auf Zelluloid zumindest.

Resty Concepcion ist seit Mitte der sechziger Jahre politisch aktiv. Zuerst trat er der Ende 1964 gegründeten Kabataang Makabayan bei, der Patriotischen Jugend, aus der Jahre später die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei wurde. Dann wechselte er in die grosse Politik, war viel unterwegs – und doch stets auch in «seinem» Tondo anzutreffen, wann immer es galt, sich gegen ­Gewalt, Vertreibung und Heimtücke einzusetzen. Und das war oft der Fall.

Nach Tondo kommen kaum Tourist­Innen. Bis Mitte der neunziger ­Jahre waren hier lediglich Reisegruppen westli­cher Hilfswerke anzutreffen, die den «Smokey Mountain», Südostasiens grösste Müllhalde, besuchten. «Exposures», Blossstellungen, nannte man die von philippinischen FreundInnen organisierten Tagestrips der anderen Art. Doch seit dieser Elendsflecken vor zwölf Jahren gewaltsam geräumt wurde, ist Tondo aus den Schlagzeilen der internationalen Medien verschwunden.

Normas Geschichte

Aber das Elend gibt es noch – und auch die Menschen, zu denen mich Concepcion begleitet. Norma Alvarez ist eine von ihnen. Die resolute Mittfünfzigerin hat eine wettergegerbte Haut, tiefe Furchen durchziehen ihr Gesicht. Wann immer sie lächelt, greift sie zu einem Taschentuch; sie ist sichtlich bemüht, ihrem Gegenüber einen Anblick zu ersparen, der ihr peinlich ist: Sie hat nur noch zwei Vorderzähne. Arztbesuche, sagt Norma, habe sie sich in ihrem ganzen Leben nicht leisten können.

Geboren wurde sie als eines von acht Kindern in den Aussenbezirken der Hafenstadt Catbalogan auf der Insel Samar, rund 650 Kilometer südöstlich von Mani­la gelegen. Diese Insel gehört bis heute zu einer der ärmsten Provinzen des Landes. Miserabler sind die Verhältnisse nur noch im äussersten Süden des Landes – in einigen Teilen von Mindanao und auf den abgelegenen Inseln Basilan und Jolo.

Zusammen mit ihrer Schwester ­Myrna kam Norma als Teenager nach ­Manila. Als «catulongs», als Haushaltshilfen, fan­­den die beiden eine Anstellung bei chinesischstämmigen Familien in Malate, einem in den sechziger Jahren feinen Viertel entlang Manilas Prachtmeile. Der Roxas-Boulevard galt seinerzeit – allein schon wegen der spektakulären Sonnenuntergänge – als eine der schönsten Strassen Südostasiens. Norma und Myrna lebten bei ihren Patrons, mussten sich um nichts sorgen und konnten sogar genügend Pesos an ihre Familie in Catbalogan überweisen – umgerechnet fünfzehn US-Dollar im Monat; das war damals viel Geld.

Doch dann verliebte sich Norma in Tonio, der im North Pier, dem Nordhafen von Manila, als Aufseher arbeitete und in Tondo wohnte. Der Familie, bei der sie arbeitete, passte die Beziehung nicht; sie setzte Norma über Nacht vor die Tür. Und so zog sie nach Tondo zu Tonio, der mit Hilfe von Freunden in der Nähe des belebten Divisoria-Markts ein kleines Haus gebaut hatte: zwei Stockwerke auf einem knapp dreissig Quadratmeter kleinen Stück Land. Die Grundmauern bestanden aus Stein, der Aufbau aus Holz und Wellblech.

Von der City of Man …

Norma und Tonio – sie war 18, er 22 Jahre alt – heirateten, glaubten an das grosse Glück und bekamen fünf Kinder, von denen allerdings zwei als Kleinkinder an Typhus starben. Das war in den siebziger Jahren, in den Zeiten des Kriegsrechts, das der frühere Präsident Ferdinand Marcos 1972 über das Land verhängt hatte. Dessen Ehefrau und First Lady Imelda avancierte danach zur Siedlungsministerin und Generalgouverneurin der Haupstadt. Ihre Vision: ­Manila sollte zur «City of Man», zur Stadt mit menschlichem Antlitz, aufsteigen.

Fast schon manisch betrieb Imelda Marcos ein Stadtverschönerungsprojekt nach dem anderen: Landaufschüttungen in der Bucht von Manila, den Bau von Fünfsternehotels, eines Kulturzentrums, eines Volkskunsttheaters, eines internationalen Kongresszentrums. Was ihrem Gusto nicht entsprach, liess die Präsidentengattin beseitigen. Nicht die Abschaffung der Armut, sondern der Armen war ihr Ziel. Fliegende Händler­Innen wurden gejagt, «squatters», angebliche oder tatsächliche GrundbesetzerInnen, vertrieben.

Imeldas Politik traf auch Norma und Tonio. «1976 wurden wir über Nacht obdachlos», schildert Norma Alvarez die damaligen Ereignisse: Bulldozer rückten an, ein Beamter verkündete per Megafon in zwei Sätzen, dass der Boden der Regierung gehöre und dass alle sofort verschwinden müssten. «Dann versprühten sie Tränengas und prügelten wild und wahllos auf alle ein, die ihre Häuser nicht sofort verliessen.» Eine Entschädigung für das Haus haben sie nie erhalten; Tonio starb wenige Monate später an Tuberkulose. Seit dieser Erfahrung engagiert sich Norma in Selbsthilfegruppen. «Da ist das Mindeste, was wir tun müssen», sagt sie. «Sonst verlieren wir mit unserer Würde auch das Leben. Die Alternativen dazu sind Feigheit, Kriminalität oder Drogensucht. Und all das führt schnell zum Tod.»

… zur City of Manholes

Mit ihren drei Kindern und ihrer Schwester Myrna kam Norma bei Freundinnen unter. Die fünf Personen teilten sich einen zwei mal vier Meter grossen Raum, in dem sie nachts Matten auslegten. In Tondo klettert im Mai und Juni das Thermometer auf 36, 37 Grad ­Celsius, die hohe Luftfeuchtigkeit erschwert das Atmen, Gestank und Hitze wetteifern um den Verstand der Menschen. Elektrizität und fliessendes Wasser gibt es nicht. Wasser holt man sich aus nahe gelegenen Pumpen. Oder man zapft – Not macht erfinderisch – das nächstbeste Wasserrohr an. Im Monsun verwandeln sich ganze Strassenzüge in Kloaken.

In jenen Tagen sammelte Norma mit ihren Kindern Müll auf dem nahe gelegenen Smokey Mountain – einem Areal, das die Stadtverwaltung 1954 zur Hauptabfallkippe von Manila erkoren hatte und das Jahr für Jahr immer mehr Menschen anzog. Sie sammelten Blech, Papier und Plastik, verkauften das verwertbare Material an Schrotthändler und verdienten so zwanzig Pesos am Tag (nach damaligem Umtauschkurs etwa drei Franken). Bis zu 30 000 Menschen lebten davon.

Einige bauten sich auf der Müllhalde sogar Verhaue, die auf Stelzen standen und mit Blumen und einem Jesusbild geschmückt waren. Auf diese Weise wuchs Tondo bis in die neunziger Jahre zu einem dichtbesiedelten Stadtteil her­an – mit rund 65 000 Einwohner­Innen pro Quadratkilometer und etwa 600 000 Menschen insgesamt. Der Smokey Mountain wuchs und wuchs, bis er eine Höhe von vierzig Meter erreicht hatte. Nach ein paar Jahren stellte Norma ­ihre Arbeit auf dem Hügel ein. Sie schaffte die ­Plackerei nicht mehr und erwarb Kenntnisse in der Hand- und Fusspflege, mit denen sich ebenfalls Geld verdienen liess. Ihre Kinder aber mussten jeden Tag hinaus auf die Halde.

Mittlerweile lebt Norma Alvarez im Bezirk Barangay 123 bei Pier 12 am Nordhafen in Tondo. Auch ihre dritte Vertreibung hat sie inzwischen gut verkraftet. Denn nach der Kündigung als Hausangestellte, der Zerstörung ihres Hauses und dem Tod ihres Mannes war das Leiden noch nicht zu Ende: 1995 wurde der Smokey Mountain von staatlichen Sicherheitskräften gewaltsam geräumt. Da spielten sich unglaubliche Szenen ab, erinnert sich Resty Concepcion, der damals eine Armeninitiative beriet: «Die Müllhaldensiedler wurden gejagt wie ­Ratten. Ich selber habe gesehen, wie selbst auf alte Leute mit Latten und Hämmern eingeschlagen wurde.» Und danach, ergänzt Norma, «wurde alles noch schlimmer: Viele lebten wochenlang ohne Obdach und nur von Reis, Salz, Maniok und Wasser.» Ihnen blieb ja auch nichts anderes übrig, ergänzt Vilma, Normas Nachbarin: «In dieser beschissenen City of Manholes, in dieser Stadt der Schlag­löcher, kümmert sich kein Schwein um die Armen.» Viele der Mountain-BewohnerInnen liessen sich schliesslich in den nördlichen Stadtteilen Navotas und Caloocan City nieder, andere verschlug es in eines der rund 500 anderen Slums im Grossraum Manila.

Grosse Protestmärsche und Demon­strationen habe es damals gegeben, er­­zählt Concepcion. Doch Fidel Ramos, ­­ der Exgeneral und damalige Staatschef, blieb unerbittlich. Ramos, der in Zeiten der Marcos-Diktatur Polizeichef und stellvertretender Generalstabschef gewesen war, verstand sich als Modernisierer. Er wollte die Philippinen auf die Höhe der südostasiatischen «Tigerstaaten» hieven, ausländische InvestorInnen gewinnen und mit der Privatisierung der Strom- und Wasserversorgung die dazu nötigen Ausgangsbedingungen schaffen. Mit diesen Zielen war eine Müllhalde inmitten der Hauptstadt schlecht vereinbar – egal, wie viele Menschen von ihr lebten.

Hafenarbeit und Lampions

Den Vertriebenen stellte er die Segnungen der Privatisierung in Aussicht – ein Versprechen, das auch die derzeitige Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo in jeder zweiten Rede wiederholt. Aber was bringt das den bedrängten Menschen von Tondo? Norma, Resty und Vilma erzählen Geschichten. Geschichten wie die über den Unternehmer Reghis Romero II, der mit der staatlichen Wohnungsbehörde NHA ab 1993 mehrere Verträge abschloss, um den Smokey Mountain zu sanieren, und versprach, erschwingliche Häuser für die Armen zu errichten und das Gebiet zu «entwickeln».

Aber erst 2004 konnten einige ­wenige Familien in rosa und cremefarben gestrichene Häuser einziehen, die von billigster Qualität sind und zudem auf giftigem Grund stehen. Reghis Romeros Firma R2 Builders hatte die Häuser auf nur planiertem, jedoch immer noch verseuchtem Grund gebaut. Und so werden die BewohnerInnen von beissenden Giftgasen gequält, die sie krank machen.

In anderen Bezirken von Tondo sind die Verhältnisse nicht besser. Im Viertel Barangay 105 leben beispielsweise 3500 Menschen in meist provisorischen Unterkünften. Sie strampeln sich – wie die meisten Tondo-BewohnerInnen – tagtäglich ab. Sie betteln im Hafen um Tagelöhnerjobs, jobben als Dreiradtaxifahrer, schuften in ungesicherten Arbeitsverhältnissen, fertigen Besen, weben Putztücher, stellen in der Vorweihnachtszeit Lampions und Sterngirlanden her. Und die Frauen gehen auf den Strich. Oder arbeiten in den Sweatshops, den kleinen Fabriken, die von jeher in Tondo präsent sind.

Ein neuer Markt für die Armen

Eine 2004 vom privat betriebenen Gesundheits- und Sozialzentrum Canossa in Auftrag gegebene Untersuchung ergab, dass in einem nahe gelegenen Bezirk 68 Prozent der Haushalte ihren Unterhalt mit Knoblauchschälen verdienen. Und dass 99 Prozent der Befragten am Tag weniger verdienen als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 350 Pesos (umgerechnet etwa neun Franken). Laut dieser Studie leiden auch 55 Prozent an Infektionen der Atemwege, 15 Prozent an Durchfall, 8 Prozent an Hauterkrankungen und 22 Prozent häufig an Fieber. Weil sie in der Regel mit weniger als zwei Franken am Tag auskommen müssen.

Vor allem die Tuberkulose ist hier weit verbreitet. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2003 stehen die Philippinen ganz oben: In keinem anderen Staat im Westpazifik gibt es so viele Tuberkulosekranke. Täglich sterben 75 Filipinos an Tuberkulose – einer Krankheit, die seit langem heilbar ist – , jedes Jahr infizieren sich 100 000 Menschen.

Dennoch wird im Gesundheitswesen gespart, wie Emma Manuel, radio­logische Assistentin des Tondo Medical Center, erläutert. Und das obwohl die Regierung im Finanzjahr 2006 gerade mal 10,4 Milliarden Peso (270 Millionen Franken) für das Gesundheitswesen ausgab – umgerechnet 3 Franken und 25 Rappen pro EinwohnerIn. Ihre Klinik habe 2006 3,2 Millionen Franken erhalten – davon blieben nach Abzug der Personalkosten lediglich 620 000 Franken für Behandlungen, Operationen und den Erhalt der Gebäude übrig. «Noch in den späten siebziger Jahren bat man nach einer Röntgenaufnahme allenfalls um eine Fünfpesospende», sagt Emma Manuel, die auch dem Vorstand der unabhängigen Alliance of Health Workers angehört. «Heute aber kostet eine solche Aufnahme mindestens 120 Pesos für Erwachsene und das Doppelte für Kinder – unerschwinglich für die Familien, mit denen wir es Tag für Tag zu tun haben.»

Anfang Februar veröffentlichte «The Manila Times» einen Bericht, wonach letztes Jahr allein in der Hauptstadt rund 3000 Menschen eine neue Einnahmequelle entdeckt hätten. Sie verkaufen eine ihrer Nieren zum Preis von 70 000 bis 120 000 Pesos (etwa 1800 bis 3100 Franken). Da allein in Japan über 10 000 Menschen auf eine Nierentransplantation warten, habe sich, so die Zeitung, hier ein «neuer Markt für die Armen» aufgetan.

Im Rausch erschossen

Es sei kein Wunder, sagt Jim Libiran, «dass den Jugendlichen fast alle Wege verbaut sind, dass kaum einer dem Teufelskreis aus Armut und Gewalt entrinnt». Libiran, einer der profiliertesten Filmemacher des Landes, hat vor kurzem unter abenteuerlichen Umständen den Film «Tribu» fertiggestellt. Der Streifen – er wird an der Berlinale 2008 zu sehen sein – schildert das Leben der Jugendgangs in Tondo. Hier gibt es über hundert solcher Gangs, die sich «tribes» nennen und denen selbst Zehnjährige angehören – Kids, die häufig sterben, bevor sie jemals gelebt haben.

Die Gang bietet ihnen Geborgenheit, verlangt dafür aber auch vollen Einsatz, wenn es um Raub, um Schutzgelderpressung oder (je nach Geldgeber) darum geht, Streiks zu stören und zu sabotieren. Drogenkonsum und Klebstoffschnüffelei sind Teil ihrer Existenz. Manchmal werden auch zehn Jahre alte Kinder erschossen – von rivalisierenden Banden oder den sogenannten Ordnungskräften, die vielfach von Geschäftsleuten angeheuert werden.

Neue Umsiedlungsprojekte

Es könnte noch schlimmer kommen. Derzeit planen Regierungsbehörden wie die Philippinische Hafenverwaltung PPA, die Wohnungsbehörde NHA und die Abteilung für Strassenbau und öffentliche Investitionen eine neue Vertreibung. Im Zuge der geplanten Privatisierung des Nordhafens soll Tondo modernisiert werden. Dieses Vorhaben, so schätzt die Vereinigung zur Solidarität mit den Armen Kadamay, trifft in den nächsten Jahren über 140 000 Familien (rund 850 000 Menschen) – nicht nur in Tondo, sondern auch in den etwas nördlicher gelegenen Distrikten Navotas und Caloocan City.

Der Plan wird bereits umgesetzt. Aus dem Bezirk Barangay 110, sagt Resty, seien vor kurzem annähernd 1500 Familien vertrieben worden: «Nur wer sehr lange dort lebte, bekam von der Stadtverwaltung eine Entschädigung – gerade mal 15 000 Pesos.» Umgerechnet knapp 400 Franken. «Die Mehrheit aber ging leer aus.» Die Massgaben des Manila North Harbor Modernization Projects MNHMP sind nicht nur in der Kompensationsfrage sehr vage. Es gibt auch keine klare Bestimmung, was mit den betroffenen Familien geschehen soll. Im Abschnitt 7.04 der Konzessionsvereinbarung für das MNHMP heisst es lediglich, dass der Eigentümer, also die demnächst private PPA, «in Absprache mit anderen Regierungsbehörden die Umsiedlung der Squatters auf eigene oder Regierungskos­ten übernimmt.» Bei so vielen Unwägbarkeiten und dem üblichen Kompetenzgerangel müsse man vom Schlimmsten ausgehen, um das Beste zu hoffen. Sagt Resty Concepcion und geht zum nächs­ten Termin. Er hat noch viel zu tun.

Rainer Werning berichtet seit zwanzig Jahren für die WOZ über Entwicklungen in Südost- und Ostasien. Er ist Mitherausgeber des «Handbuchs Philippinen» (Horlemann-Verlag, 2006). Auf Einladung des Goethe-Instituts Manila referierte er kürzlich an mehreren philippinischen Universitäten über «Europas Vermächtnisse in den Philippinen»

Vom Kronjuwel zur Megacity

«Von der Sonne liebkost, Perle fernöstlicher Meere, verloren gegangenes Eden» – so beschrieb der in den Philip­pinen als Nationalheld verehrte Arzt und Schriftsteller José P. Rizal sein Land, das nach dem spanischen König Philipp II. benannt worden war. Der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan hatte den Archipel 1521 für die spanischen Konquistadoren «entdeckt». Fünfzig Jahre nach der Eroberung erklärte die spanische Krone Manila zur Hauptstadt ihres philippinischen Reichs. Die «Peninsulares», aus Spanien stammende Beamte, Offiziere und Mönche, übernahmen die Kontrolle der «noblen und auf ewig loyalen Stadt» und gründeten den alten Stadtkern Intramuros, um den herum Manila all­mählich anwuchs. Heute leben in der philippinischen Hauptstadt rund fünfzehn Millionen Menschen.

Prägend war der Einfluss der Mön­chs­orden (Augustiner, Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten und Benediktiner) – allesamt Grossgrundbesitzer, die die anfangs mehrheitlich muslimische Bevölkerung schamlos ausnahmen: Sie liessen Kirchen, Villen, Stadtmauern errichten und die Strassen mit Kopfstein pflastern. Grundlage ihres Reichtums war nicht nur die Ausbeutung, sondern auch der Handel mit Mexiko. Spanische Galeonen verkehrten via Manila zwischen der Südküste Chinas und den mexikanischen Pazifikhäfen; sie beförderten China­waren wie Seide, Porzellan, Juwelen, Textilien und Gewürze nach Osten (von wo sie dann nach Europa gelangten) und Wein, Olivenöl, Getreide, Priester, Sol­daten und Beamte nach Manila und ­China. Die­se Handelstradition erklärt, wes­halb die Filipinos in der Schifffahrt eine so grosse Rolle spielen.

Auf dem Seeweg gelangten freilich auch die Ideen der Aufklärung, des Liberalismus und der Französischen Revolution ins Bewusstsein der Bevölkerung. 1898 riefen Filipinos die Republik aus – die erste in Asien. Statt der Freiheit folgte jedoch ein weitere Besetzung, diesmal durch die Soldaten der US-Pazifikflotte. Die Bevölkerung leistete erbitterten Widerstand; der Amerikanisch-Philippinische Krieg, der daraufhin einsetzte, führte zu den bis dahin grössten Kolonialmassakern in Südostasien. Die damals sechs Millionen Menschen zählende Bevölkerung wurde dezimiert. Bis 1946 dominierten die USA die Hafenstadt.

Manila aber blieb eine weltoffene Stadt. Nirgendwo in Asien – von Schanghai abgesehen – wurde eine so liberale Einwanderungspolitik betrieben. In den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts konnten viele verfolgte JüdInnen einreisen – beispielsweise der Wiener Komponist Herbert Zipper («Dachau-Lied»), dem die Flucht aus deutschen Konzentrationslagern gelungen war und der das Manila-Symphonieorchester aufbauen half.

Das änderte sich mit der Landung japanischer Truppen, die Manila im Januar 1942 einnahmen; der Krieg erreichte die Stadt aber erst 1945 (bei den Strassenkämpfen kamen auch über 100 000 ZivilistInnen um). Nach dem Sieg setzten die USA auf die projapanische Elite. Erster Präsident der im Juli 1946 unabhängig gewordenen Republik wurde der ehemalige Brigadegeneral Manuel Roxas, der ein hochrangiges Mitglied des projapanischen Marionettenregimes gewesen war.

Erst unter seinem Nachfolger Ferdinand Marcos gab es so etwas wie eine Stadtplanung. Manila bekam eine Entwicklungsbehörde (MMDA) und wurde in siebzehn Verwaltungseinheiten (Städte und Bezirke) aufgeteilt, die sich über eine Fläche von knapp 640 Quadratkilometern erstrecken. Rund achtzig Prozent der Bevölkerung gelten als arm; ein Drittel verfügt über keinen Wasseranschluss und ist auf die Versorgung durch mobile Händler angewiesen.

Der heutige MMDA-Vorsitzende Bayani Fernando hält eine Stadtplanung für reichlich überflüssig. Für ihn lassen sich die Probleme auch anders lösen – indem man zum Beispiel die Waren der illegalen Strassenhändler mit Kerosin besprüht. Eine staatliche Hilfe bei der Umsiedlung der SlumbewohnerInnen lehnt er rundweg ab. «Warum sollen wir die unterstützen?», fragte er kürzlich in einem Radiointerview: «Wir können solche Gesetzesbrecher doch nicht noch mit Eigenheimen belohnen.»


1 Antwort auf “Die Banlieue-Serie”


  1. 1 banlieue 23. Januar 2008 um 14:23 Uhr

    Zu Marseille:

    Les Rosiers/Marseille
    Die Ruhe zwischen den Rosenstöcken
    Von Thomas Schaffroth

    Als vor über einem Jahr die Vororte von Paris, Lille und Lyon brannten, blieb es in den Banlieues von Marseille friedlich. Warum?

    Les Rosiers – so heisst eine der über ein Dutzend «cités» von Marseille. Die berühmteste ist wohl die 1952 von Le Corbusier gebaute Cité radieuse. Im Volksmund von Marseille wird Corbusier als «Fada» bezeichnet, was, frei aus dem ­Okzitanischen übersetzt, «Verrückter» heisst. Die Architekten, die ein paar Jahre später das Quartier Les Rosiers (die Rosenstöcke) entworfen haben, gelten hingegen als völlig normale Planer von Wohn- und Lebensraum.

    In dem Quartier nördlich der Stadtmitte (vgl. Karte) leben heute offiziell um die 4500 Menschen. Tatsächlich aber dürften es mindestens 7000 Personen sein, wie mir die ursprünglich aus Polen stammende Sozialarbeiterin Madjena Jakubowska sagt. Sie lebt mit ihrem Mann seit drei Jahren hier und ­arbeitet für die Selbsthilfeorganisation Action Contre toute détresse. «Der grosse Unterschied zwischen der offiziellen und der wirklichen Einwohnerzahl kommt dadurch zustande, dass viele Bewohner und Bewohnerinnen bei der städtischen Verwaltung nicht angemeldet sind», sagt die Frau, die sich für Menschen in «détresse», in höchster Not, einsetzt. «Viele waren als Immigranten oft illegal nach Frankreich gekommen, haben keine gültigen Aufenthaltspapiere, sind Sans-Papiers», erläutert sie.

    Labyrinth mit hoher Arbeitslosigkeit

    Les Rosiers umfasst fünf zehn- und fünf fünfstöckige Gebäude. Es gibt hier keine Schulen, keine Post. Zur sozialen Infrastruktur gehören hingegen zwei Bäckereien, eine Epicérie (eine Art Dorf­laden), ein Cybercafé, eine Imbissbar und ein Gebetssaal für MuslimInnen. Der einzige kollektive Raum ist das ­Centre social, ein Gemeinschaftszentrum, in dem sich verschiedene Vereine treffen und ihre Sitzungen abhalten können. Am Mittwoch, dem schulfreien Tag, wird hier auch Kinderbetreuung angeboten.

    Ein Wohnkomplex wie Les Rosiers gilt unter UrbanistInnen als typisches städtebauliches Objekt aus der Zeit des funktionalen Urbanismus in den fünfziger und sechziger Jahren. Diese private Grossüberbauung mit 730 Wohnungen sieht von aussen wie eine Trutzburg aus, und geht der Ortsunkundige hinein, bewegt er sich wie in einer Art Labyrinth. Wie in vielen anderen, ähnlich aussehenden Quartieren in Frankreich ist auch hier die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch. Sie liegt in Les Rosiers bei über vierzig Prozent; im Landesdurchschnitt beträgt sie heute offiziell weniger als zehn Prozent.

    Mourad Mohammar wohnt seit elf Jahren hier und arbeitet als freischaffender Informatiker. Der fünfzigjährige Iraker ist nach dem Ersten Golfkrieg 1991 als Flüchtling nach Marseille gekommen und fühlt sich hier «wohl und frei». «Wir leben hier in einem friedlichen Dorf», sagt er, «ich habe hier schon lange keine Polizisten mehr gesehen.» Die Staatsgewalt habe zum letzten Mal vor rund einem Jahr interveniert wegen einer Drogengeschichte, die tödlich ausging.

    Les Rosiers liegt im 14. der insgesamt 16 Arrondissements (Stadtbezirke) von Marseille. Die Ruhe, die Mourad Mohammar in seinem Quartier als so wohltuend empfindet, ist normalerweise auch im Quartier St-Jérome im 13. Arrondissement gegeben. Nur am 28. ­Oktober des letzten Jahres, am ersten Jahrestag der Aufstände von 2005, kam es dort zu einem Zwischenfall, als vier Jugendliche in einem Bus der Linie 32 plötzlich Benzin aus Plastikflaschen ausgossen und es anzündeten. Die Busfahrerin stoppte das brennende Fahrzeug und öffnete die Türen; die meisten Fahrgäste konnten sich ins Freie retten. Eine junge Studentin aber erlitt lebensgefährliche Verbrennungen. Die Täter flüchteten. Am Tage darauf stand diese Tat – auch in der Schweiz – in den Schlagzeilen.

    Im «friedlichen Dorf» Les Rosiers blieb es jedoch ruhig – wie auch in den anderen 110 «Dörfern» oder Quartieren, die die drittgrösste Stadt Frankreichs ausmachen. Und ruhig ist es auch geblieben, obwohl es in den Banlieues von Paris, Lyon und anderen französischen Grossstädten seit den Aufständen von 2005 immer wieder zu Unruhen kommt. Woran liegt das?

    Ein sicherer Ort

    Eine Erklärung bietet die Tatsache, dass es in dieser Stadt urbanistisch und sozial keine Vorstädte gibt, keine Ban­lieues wie in Paris oder Lyon. Das hat auch mit der Topografie von Marseille zu tun. Im Süden der Stadt leben die materiell besser gestellten Einwohner­Innen am Meer, während im Norden kahle Bergzüge das Stadtgebiet begrenzen. Die Menschen der unteren Einkommensschichten leben hauptsächlich in den Quartiers du Nord, deren soziale Verhältnisse durchaus mit jenen in den Banlieues der nördlichen Städte Frankreichs verglichen werden können. Und doch haben sie mit den Pariser Vorstädten wenig gemein.

    Marseille wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Bürgermeister der Kommunistischen Partei (KPF) regiert; heute ist die Stadt jedoch fest in bürgerlicher Hand. Zwar werden noch immer die Gemeindehäuser der nördlichen Quartiere von Mitgliedern der KPF dominiert, aber das wirkt nur noch wie eine Erinnerung an jene Zeiten, als die KPF in ­Marseille die stärkste politische Kraft war.

    Als ich vor über zwanzig Jahren als Frankreichkorrespondent des Schweizer Fernsehens für eine «Rundschau»-Reportage nach Marseille reiste, war der Grund meines Besuchs nicht die KPF, die damals schon serbelte, sondern der in Marseille immer stärker werdende rechtsextreme Front National (FN). 1983 trat diese Partei zum ersten Mal landesweit bei den Gemeindewahlen an – hier in Marseille unter dem Namen ­Marseille sécurité. Ihren vorläufig letzten Höhepunkt erlebten die FrontistInnen bei der Präsidentschaftswahl 2002, als ihr Kandidat Jean-Marie Le Pen den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin beim ersten Wahlgang aus dem Rennen geworfen hatte. In Marseille erreichte der FN damals 26,9 Prozent aller abgegebenen Stimmen. Und das damals wichtigste Wahlkampfthema Sicherheit wird auch bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen eines der Hauptthemen der SpitzenkandidatInnen sein, heissen diese nun Nicolas ­Sarkozy, ­Ségolène ­Royal, François Bayrou oder Le Pen. Dabei ist – wenn man die Kriminalstatistik betrachtet – Marseille entgegen dem schlechten Ruf, den die Stadt hat, ein vergleichsweise sicherer Ort. In der nationalen Kriminalitätstabelle liegt der Dreh­ort von «French Connection», einem Krimiklassiker aus den siebziger Jahren, weit hinter den reichen Kultur- und ­Schickimicki-Orten wie Avignon oder Cannes.

    Einwanderungspuzzle

    Wer sind nun eigentlich die Alteingesessenen und die Zugewanderten, die in Marseille leben und weder besonders häufig Autos anzünden noch ihre NachbarInnen berauben? Der im deutschsprachigen Raum vielleicht bekannteste zeitgenössische Schriftsteller aus Marseille, der inzwischen verstorbene Jean-Claude Izzo, charakterisierte die Stadt als «einen der wenigen Orte auf der Welt, wo jeder, der hier sich einfindet und seinen Koffer abstellt, sagen kann: ‚Ich bin angekommen!‘». Seine Aussage steht nur vordergründig im Widerspruch zu dem, was eine andere ­Intellektuelle, die Schriftstellerin, Sozialistin und Frauenrechtlerin ­Flora Tristan (1803 – 1844) rund 150 Jahre früher über diesselbe Stadt schrieb: «Je mehr ich von dieser Stadt Marseille sehe, desto mehr stösst sie mich ab. Diese Stadt ist nicht französisch.» Was würde sie wohl heute über diesen Ort sagen, in dem mittlerweile um die 840 000 Menschen leben?

    Zu Flora Tristans Zeit holten die lokalen Patrons zum ersten Mal ausländische Arbeitskräfte für die aufstrebende Industrie und Landwirtschaft nach Marseille – vor allem ItalienerInnen. Ihr Hauptbeweggrund dafür: Sie wollten die Einheit der damals immer wieder aktiven orts­ansässigen Beschäftigten untergraben.

    Den ItalienerInnen folgten am Ende des Ersten Weltkriegs Flüchtlinge und Überlebende des türkischen Genozids an der armenischen Bevölkerung. Dann kamen die Verfolgten des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus in die Hafenstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Marseille Anlaufstelle für die RückkehrerInnen aus dem zerfallenden französischen Imperium in Afrika und in Indochina.

    Diese Weissen hatten ein gemeinsames Merkmal: Sowohl jene, die 1956 nach der Niederlage in Dien Bien Phu Vietnam verliessen, wie auch die Zehntausende, die als «repatriés» und als «pieds noirs» nach der Unabhängigkeit von Algerien 1962 zurückkehrten, besassen in der Regel die französische Staatsbürgerschaft. Sie waren also keine «Fremdarbeiter» wie die Hunderttausende, die, zumeist aus dem Maghreb kommend, für die boomende französische Nachkriegswirtschaft gerufen wurden – und immer noch da sind. Die vorläufig letzte Einwanderungsgruppe kommt aus China. Seit drei, vier Jahren lassen sich ChinesInnen im Stadtzentrum – in der Nähe des Vieux Port, des alten Hafens – nieder, wo sie als TextilhändlerInnen mit den bis anhin im gleichen Sektor tätigen jüdischen und armenischen Gemeinschaften konkurrieren.

    Lokale Identitäten

    Eine namentliche Zusammenfassung der Immigrationsgeschichte von Marseille ist den Schildern zu entnehmen, die an den Briefkästen von Wohnsiedlungen wie Les Rosiers kleben. Die Namensvielfalt zeugt davon, dass in Marseille ethnische Bevölkerungsgruppen aus mehr Kontinenten leben als in anderen mediterranen Hafenstädten wie beispielsweise Neapel oder Istanbul. So ­finden sich hier an einem der Wohnblocks Namen wie Ngo Malik, Sfar, Jemili, Ravolomanana oder Antoinette. In Les Rosiers stammt etwa ein Drittel der BewohnerInnen aus dem Maghreb, ein weiteres Drittel kam von der ehemals von Frankreich kontrollierten Inselgruppe der Komoren (sie liegt nordwestlich von Madagaskar im Indischen Ozean). Sie stellen die beiden wichtigsten Bevölkerungsgruppen in Les Rosiers – und sie halten Abstand voneinander. Die Sozialarbeiterin Madjena ­Jakubowska glaubt nicht, dass es so bald zu einem Miteinander der Ethnien kommt: «Die verschiedenen Minderheiten sind sozial stark auf ihre Herkunftsgruppen bezogen; auch soziale Spannungen und Konflikte spielen sich zumeist innerhalb der eigenen ­Ethnie ab», sagt sie.

    Die meisten Jugendlichen, deren Eltern sich in «Massilia» niedergelassen haben, zum Teil bereits hier geboren sind, also meistens die französische Staatsbürgerschaft haben, sehen sich (anders als die Gleichaltrigen in den Banlieues von Paris oder Lille) selten als Franzosen oder Französinnen, aber immer als Marseillais. Die Stadtverwaltung fördert dieses Wir-Gefühl. Sie plakatiert immer wieder den Slogan «Fiers d‘être Marseillais!» – wir sind stolz darauf, Marseillais zu sein.

    Dabei ist die jüngere Generation nur ausnahmsweise dem täglichen Pastis­ ­zugetan, den die alteingesessenen Marseillais trinken, und verzichtet am Freitag auch auf die traditionelle «aïoli» ­(eine Knoblauch-Mayonnaise-Vorspeise mit vielen Zutaten). Sie isst lieber Pizza. Aber eines verbindet die Jungen mit ihren Eltern (zumeist mit den Vätern) und den französischstämmigen Nachbar­Innen: Sie pilgern regelmässig zusammen mit Zehntausenden anderer Marseillais ins Stade Vélodrome, um die Fussballmannschaft Olympique Marseille mit oft zotigen und vulgären Sprechgesängen zu unterstützen und anzuheizen. Die Tribünen sind mit 40 000 bis 50 000 Menschen stets gut gefüllt, egal, wie gut oder schlecht ihre Mannschaft spielt. Sie schert es auch nicht, dass die Verantwortlichen des Klubs wegen Betrugs und Korruption oft ebenso häufig vor dem Richter stehen, wie sie auf ihren VIP-Plätzen sitzen (oder gar im Gefängnis landen wie Bernard Tapie, der ehemalige Klubbesitzer und Zögling des früheren Staatspräsidenten François Mitterrand).

    Rechte Stadtplanung

    Im Stade Vélodrome, das sich in einem südlichen Quartier befindet, gas­tiert ab und zu auch der Stadtpräsident Jean-Claude Gaudin vom rechten Parteienbündnis UMP. Und dort verkündet er manchmal sein urbanistisches Programm für Marseille: «Das Stadtzentrum wird von der ausländischen Bevölkerung überschwemmt, und die Marseillais sind abgezogen», sagt er dann, und: «Ich will die Stadt erneuern und jene Bewohner zur Rückkehr bewegen, die ihre Steuern bezahlen.» Säubern möchte Gaudin vor allem Quartiere der Stadtmitte wie Belsunce oder Canebière, deren bunte Strassenmärkte nicht so recht zu der von ihm erträumten Dienstleistungsmetropole im Hightech-Design passen wollen.

    Stadtpräsident Gaudin, er gehört der Regierungspartei an und ist seit 1995 im Amt, will das ändern, was Marseille ausmacht. Im Unterschied zu den meisten anderen französischen Grossstädten hat Marseille die Unterschichten nicht aus der Stadt verbannt und in Banlieues am Rand der Metropole gettoisiert. In Marseille lebt ein Grossteil der Armen «intramuros», zumindest jetzt noch. Denn mittlerweile haben Gaudin und seine Gefolgsleute begonnen, städtische Grundstücke im Zentrum an private ImmobilienspekulantInnen und Pensionskassen zu verkaufen, die, um Luxuswohnungen bauen zu können, die dort Wohnenden vertreiben.

    Und noch eines zeichnet die heute praktisch deindustrialisierte Stadt aus (vgl. Kasten): Die meisten Menschen leben von der öffentlichen Hand, und das heisst oft: von der Verwaltung. Während in Lyon zum Beispiel 47 Prozent der Haushalte vom staatlichen Sektor leben, sind es in Marseille 64 Prozent. Im «Tor zum Orient», wie die Stadt Anfang des letzten Jahrhunderts wegen seines wichtigen Handelshafens noch genannt wurde, arbeiten heute weit mehr Menschen in der Hafenbürokratie des «Port autonome» – zum Beispiel beim Zoll – als im Hafen selbst.

    Zählte die offizielle Statistik Ende der fünfziger Jahre noch über 4000 Dockarbeiter, so sind es heute nur mehr knapp 700. Der Containerverkehr hat die menschliche Arbeitskraft im Hafen radikal wegrationalisiert. Die wenigen Dockarbeiter, die übrig geblieben sind, können allerdings dank ihres hohen Organisationsgrads – praktisch alle gehören einer Gewerkschaft an – der herrschenden Ordnung recht einheizen, wenn sie wollen. So beispielsweise 2005, als sie während mehrerer Wochen den öffentlichen Fährtransport nach Korsika blockierten, um gegen die geplante und inzwischen auch teilweise erfolgte Privatisierung der Unternehmen zu protestieren. Oder als sie, wie Ende November 2006, die Ausfahrt eines Linienschiffs Richtung Algier verhinderten, weil auf ihm mehrere Sans-Papiers ausgeschafft werden sollten.

    Diese gewerkschaftliche ­Tradition spielt immer noch eine grosse Rolle. Während die Vorstädte im nördlichen Frankreich brannten, sorgte in Marseille nur ein wochenlanger Streik für Schlagzeilen. Beschäftigte der öffentlichen Verkehrsbetriebe Régie des transports de Marseille hatten den Bus- und Metroverkehr lahmgelegt. Kampfgrund: Der geplante und sich im Bau befindende neue Trambetrieb sollte einem privaten Betreiber überlassen werden. Solche Konflikte, sagte Präfekt Christian Fremont, der Vertreter der Zentralregierung für das Departement Bouches du Rhône, würden «die Schwierigkeiten aufzeigen, die Marseille mit der Modernisierung hat». Diese Modernisierung erzeugt bei der Bevölkerung mehr soziale und wirtschaftliche Unsicherheit als ein in Brand gesteckter Verkehrsbus.

    Der Gemeinschaftssinn

    Für die Tatsache, dass es in ­Marseille nicht zum Knall kommt, gibt es aber auch eine soziologische Erklärung: Der Kommunitarismus ist hier stark verankert. Die Menschen identifizieren sich mit der Stadt, mit ihrem Wohnquartier und mit ihrer ethnischen, religiösen, politi­schen und/oder sozialen Gemeinschaft. Ein Marseillais kann als Gewerkschafter ­harte und lange politische Kämpfe gegen den Liberalismus führen und möglicherweise gleichzeitig für den Front National stimmen. Eine Marseiller Familie schickt ihre Kinder aus wirtschaftlichen Gründen in eine öffentliche, definitionsgemäss laizis­tische Schule, pflegt aber gleich­zeitig zu Hause vielleicht orthodoxe christliche, islamische oder jüdische Riten.

    Ein Teil der traditionellen Linken bekämpft diesen Kommunitarismus, bei dem Identität und Gemeinschaftssinn eine grössere Rolle spielen als das jakobinische Grundprinzip der Egalité, der Gleichheit. Sie übersieht dabei, dass der Kommunitarismus, der bei den eingewanderten Marseillais so ausgeprägt ist, meist eine Reaktion auf die fehlgeschlagene Integrationspolitik der vergangenen fünfzig Jahre darstellt.

    Das Zusammengehörigkeitsgefühl – das eher ein Miteinander als den Gegensatz von oben und unten kennt – äussert sich in Marseille beispielsweise in einem überaus aktiven Vereinswesen, das eine besondere Art von sozialer Kontrolle hervorgebracht hat. Während sich in den Banlieues von Paris, Lyon, Lille und anderswo die Staatsgewalt und Jugendliche gegenüberstanden, zog in der Cité Les Rosiers eine Jugendgruppe zu einem Hauswart der Siedlung und versprach ihm, dass sie darauf achten und garantieren würde, dass es in «ihrem» Quartier keine Zerstörungen geben werde.

    Gewiss: Auch in Les Rosiers arbeiten viele schwarz, weil die staatliche Sozialhilfe weder vorne noch hinten reicht; die Schattenwirtschaft blüht. Manche handeln mit Drogen, und auch Diebstahl ist nicht selten. Aber alle, mit denen ich sprach, haben mir versichert, dass die Autowracks, die an den Strassenrändern liegen, nicht von hier stammen, die Fahrzeuge also nicht von den NachbarInnen geklaut wurden. Und dass sie nicht Zeugnis einer Revolte sind. Denn die hat es hier bisher nicht gegeben.

    Thomas Schaffroth ist Historiker und freier Journalist. Er lebt in Marseille.

    Von Massalia zu Marseille

    1999 feierte die Mittelmeerstadt ein grosses Fest unter dem Motto «Marseille, 2600 Jahre Geschichte». Der Legende nach war der Ort, den schon im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung griechische Seehändler aus Kleinasien anliefen, aus einer Liaison entstanden: Protis, einer der griechischen Anführer, heiratete Gyptis, die Tochter eines keltischen Dorfpotentaten, die das Land um den alten Hafen als Mitgift in die Ehe brachte. Diese MigrantInnengeschichte soll die Geburtsstunde des alten Massalia gewesen sein.

    In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich die griechische Kolonie zur wichtigsten Handelsstadt am westlichen Mittelmeer. Nach dem Zerfall des griechischen Imperiums verbündete sich die älteste Stadt Frankreichs mit dem aufstrebenden Rom – auch, um die Angriffe gallischer Stämme abzuwehren. 536 fiel Marseille an die Franken, im 13. und 14. Jahrhundert war es eine selbstständige Republik, 1481 wurde es mit Frankreich vereinigt. 1943 zerstörten deutsche Truppen einen Grossteil der Altstadt, die als Hochburg der Résistance galt.

    Kein Zuckerschlecken

    Bis Ende 2006 waren in der Region Marseille knapp zwölf Prozent aller Beschäftigten in der Industrie tätig, davon ein Viertel im Nahrungsmittelsektor. Ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen begann bereits im Mai 2004, als der Nahrungsmittelkonzern Nestlé ankündigte, er werde sein Zweigwerk in Saint Menet, einer Gemeinde im Norden von Marseille, schliessen. Daraufhin besetzten im Juni die Beschäftigten den Betrieb. Sie befürchteten, dass die Produktion (Kakao- und Kaffeepulver) nach Russland verlegt werden sollte, wo Nestlé gerade ein Werk gebaut hatte.

    Die Solidarität der Marseiller Bevölkerung war enorm und reichte in Form eines Wirtschaftspatriotismus auch weit ins Bürgertum hinein. Ende August erklärte ein Bezirksgericht Nestlés Betriebsschliessung für illegal und erzwang eine Wiederaufnahme der Produktion. Die Auseinandersetzung dauerte 643 Tage, dann brachen die Beschäftigten ihre Aktionen ab. Im Januar 2006 verkaufte Nestlé einen Teil des Betriebes an das Unternehmen Net Cacao, das die Kakaoproduktion weiterführte; 180 Angestellte wurden übernommen, die übrigen der 430 Beschäftigten erhielten eine Abfindung. Patrice Pedregno, einer der entlassenen ArbeiterInnen, hat den Kampf in seinem Buch «Café amer» eindrücklich geschildert (Editions du Cerisier, 2006, mit einer Einleitung von Jean Ziegler).

    Die zweite Massenentlassung in der Nahrungsmittelindustrie von Marseille steht jetzt bevor: Mitte Februar erklärte die Direktion von Saint-Louis Sucre, dass sie 120 der 240 Beschäftigten entlassen werde. Die Raffinerie im nordöstlichen Quartier Saint-Louis gehört seit 2001 zum deutschen Konzern Südzucker, der Nummer eins in Europa. Nach einem Bericht der FAZ von Ende März soll das Marseiller Werk ganz geschlossen werden. Thomas Schaffroth

    Quelle: www.woz.ch/artikel/inhalt/2007/nr16/International/15097.html

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